2009/12/24 von malteherwig
Futur II ist die neue Echtzeit des Journalismus: Alle berichten lange vorher, was jemand gesagt haben wird und was eine Untersuchung ergeben haben wird. Oder so, wie es die Nachrichtenagenturen gerade bei Köhlers Weihnachtsansprache machen. Die wird bekanntlich am 25. Dezember, also morgen gesendet. Aber dank ddp, Reuters und Co wissen wir heute schon, was das Staatsoberhaupt laut „vorab verbreitetem Redetext“ morgen „sagte“.
Deshalb mein Ratschlag, heute um 12.50h auf Deutschlandradio Kultur: Jetzt zurückschlagen! Schluß mit der Politik unterm Weihnachtsbaum. Drehen Sie den Spieß um und senden Sie Ihre eigene Weihnachtsansprache an den Bundespräsidenten.
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2009/12/24 von malteherwig
Auch das noch: Politik unterm Weihnachtsbaum – muss das sein? Es ist längst eine Binsenweisheit, dass das Private politisch ist, aber selten wird das so deutlich wie beim Weihnachtsfest. Bis ins alte Ägypten läßt sich die Tradition eines „Staatsweihnachtsfestes“ zurückverfolgen, das in der Antike noch die Form eines Sonnenkults zum Zeitpunkt der Wintersonnenwende im Dezember hatte.
Als das Christentum im 4. Jahrhundert zur Staatsreligion wurde, beerbte die Kirche den antiken Sonnenkult: An die Stelle des von den Römern am 25. Dezember gefeierten Geburtstag des „sol invictus“ trat die Geburt Christi, dessen Nachfolger auf Erden der Kaiser war.
Es war der Beginn eines staatlichen Weihnachtskultes, der im Laufe der Zeit immer deutlichere Züge annahm. Im 15. Jahrhundert trug der König selber zur Weihnachtsmette das Evangelium vor. Im 15. und 16. Jahrhundert pilgerten deutsche Herrscher nach Köln zu den Gebeinen der Heiligen Drei Könige. Heutige Regierungschefs in Bund und Ländern machen es sich leichter: Sie lassen am Dreikönigstag die Sternsinger zu sich kommen.
Die moderne, typisch deutsche Familienweihnacht entstand um 1800 als Fest des städtischen Bürgertums. Das neue Weihnachtsfest wurde ein privates Ritual für Haus und Heim und stand doch von Anfang an unter politischen Vorzeichen. Schon in den 1780er-Jahren vermutete der Volkskundler Lorenz Westenrieder, das solche allgemein gefeierten Feste „eines der sichersten, wirksamsten Mittel seyn dürften, den Gemeingeist der Staatsbürger zu wecken, zu beleben und anzufeuern“. Eine staatstragende Hoffnung, die bis heute aus jeder Weihnachtsbotschaft jedes Bundespräsidenten klingt.
Der Politik verdanken wir auch den Weihnachtsbaum. Er fand erst während des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 weitere Verbreitung, nachdem die Heeresleitung in deutschen Lazaretten und Unterständen Weihnachtsbäume hatte aufstellen lassen. Im Ersten Weltkrieg schickten Familienangehörige den Soldaten im Feld Miniaturweihnachtsbäume. An der Heimatfront sorgten feldgraue Christbaumsoldaten aus Porzellan, Leder und Filz für kriegerische Feststimmung.
Dann kam die Massenkommunikation. 1923 verbreitete Reichskanzler Wilhelm Marx als erster Regierungschef einen Weihnachtsgruß per Rundfunk. Zwei Jahrzehnte später setzten die Nationalsozialisten den Reichsrundfunk als Instrument großdeutscher Weihnachtspropaganda ein, der an Heiligabend 1941 und 1942 per Liveschaltung von allen Kriegsfronten sendete: vom Atlantik bis Stalingrad, von Libyen bis zum Nordkap gaben Wehrmachtssoldaten Weihnachtsgrüße durch.
Als Ideologie mit eigener Heilslehre war der Nationalsozialismus darauf aus, die christliche Symbolik des Weihnachtsfestes durch ihr eigenes braunes Brauchtum zu ersetzen. Aus dem Weihnachtsbaum wurde der „Julbaum“, aus Nikolaus wurde Ruprecht, die Christrose mutierte zur Schneerose und statt des Sterns sollte ein Hakenkreuz die Baumspitze krönen.
Und doch, wie könnte es beim Fest der Hoffnung anders sein: Die hohe Politik kann sich nie ganz auf die Linientreue der feiernden Untertanen verlassen. 1914 kam es am Heiligabend in flandrischen Schützengräben zu spontanen Verbrüderungsszenen zwischen Engländern, Franzosen und Deutschen.
Das Weihnachtsfest mag der Familie gehören, aber gerade deshalb ist es auch ein politisches Stimmungsbarometer. Die besinnliche Atmosphäre gibt uns die Gelegenheit, die politische und wirtschaftliche Realität daran zu messen, was wir vom Fest der Liebe erwarten: soziale Sicherheit, Frieden, Harmonie.
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, wagen Sie dieses Jahr doch mal ein Weihnachtsansprachenexperiment. Schon Brecht träumte ja davon, den Radiohörer vom Empfänger zum Sender zu machen. Im Zeitalter des multimedialen Internet ist das kein Problem mehr. Also drehen Sie den Spieß um und senden Sie Ihre eigene Weihnachtsansprache an den Bundespräsidenten!
Zuerst gesendet im Deutschlandradio Kultur am 24. 12. 2009 (Audio: MP3 zum Nachhören)
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2009/09/30 von malteherwig
Der George-Kreise nach des Meisters Tod – Ulrich Raulff erzählt in seiner Kreisbiografie eine Gespenstergeschichte für Erwachsene
Auch imaginäre Reiche können zerfallen. Bei Stefan George und seinem Kreis kann man den Beginn dieses Zerfalls genau datieren. In den frühen Morgenstunden des 4. Dezember 1933 tut der Dichter seinen letzten Atemzug. Von da an war das von George geschaffene „Dritte Reich“, anders als das ohne Anführungszeichen auskommende Machtgebilde Hitlers, den Jüngern überlassen.
Was dann geschah, beschreibt Ulrich Raulff als ziemlich atemberaubende Geschichte von Korruption und Zwist, als „schmutzige Ideengeschichte“ über den Streit um die Auslegung von Georges Botschaft. Andere Dichter mögen eine Wirkungsgeschichte haben, George hatte ein Nachleben. Die Bezeichnung als „Essay“ ist für ein Buch von mehr als 500 Seiten fast schon sittenwidrig, wäre da nicht der bewundernswert leichte essayistische Stil. Tatsächlich ist Raulffs Werk eine grandiose Art postumer Ideenbiografie. Weiterlesen »
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2009/09/30 von malteherwig
Warum der Wahlkampf auch im Internet nicht besser war, aber die Wähler trotzdem davon profitierten
Der beste Platz für einen Politiker, wusste Loriot, ist das Wahlplakat: „Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen“. Dass Plakate auch im Zeitalter von Email und Internet noch Aufmerksamkeit erregen können, zeigte im vergangenen Wahlkampf die CDU-Politikerin Vera Lengsfeld, die mit ihrem Dekolleté und dem der Bundeskanzlerin unter dem Motto „Wir haben mehr zu bieten“ im Berliner Szene-Bezirk Kreuzberg um Stimmen buhlte.
Noch eine Spur krasser plakatierte die Kandidatin der Partei „Die Linke“, Halina Wawzyniak, im gleichen Wahlbezirk. Sie ließ sich von hinten in enger Jeans ablichten. Der sinnfreie Wahlspruch dazu: „Mit Arsch in der Hose in den Bundestag“. Dagegen wirken die farbenfrohen Comic-Plakate schon fast staatstragend, mit denen der grüne Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele seit Jahren das Direktmandat in Kreuzberg erringt.
Der „Busen-Wahlkampf“ (taz) bewies vor allem eins: Erlaubt ist, was Aufmerksamkeit erregt. Konnte der 2002 von der FDP veranstaltete Spaßwahlkampf um das „Projekt 18%“ noch als Ausrutscher gelten, erliegen heute immer mehr Politiker aller Parteien der Versuchung, um jeden Preis auffallen zu wollen. Denn inhaltliche Botschaften spielten im Wahlkampf 2009 kaum noch eine Rolle. Wenn sich selbst die Parteiprogramme nur wenig voneinander unterscheiden, wird der Wahlkampf zum Wahlkrampf und das Medium zur Botschaft. Weiterlesen »
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2009/09/14 von malteherwig
Peter Handkes neues Stück, bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, ist eine grandiose Selbstdemontage.
Frauen, die lesen, sind gefährlich, heisst es. Aber stimmt das überhaupt? Ist das Lesen nicht ein Echo des Schreibens, das die Männer am liebsten allein und für sich tun? Sind Frauen in Männertexten nicht immer nur Puppen an den Fäden der Meister? Gefährlich wird es erst, wenn die Frauen sich mit Worten bewaffnen, wie in Peter Handkes neuem Stück «Bis dass der Tag euch scheidet». Mit der Doppelpremiere von Becketts «Das letzte Band» und Handkes Antwort darauf sorgten Schauspieldirektor Thomas Oberender und Regisseur Jossi Wieler bei den Salzburger Festspielen für eine wohl einzigartige Konstellation im Welttheater der Geschlechter: Handke hat seinen Frauenmonolog als Echo auf Becketts Stück über den alten, abgehalfterten Schriftsteller Krapp verfasst, der im Alter von 69 Jahren und kurz vor seinem Tod Tonbänder abhört und über die verflossene Liebe zu einer «unbekannten Frau» nachsinnt. Ihr gibt Handke nun eine Stimme, und in der ungehaltenen Rede geht sie ziemlich schonungslos mit dem Schriftsteller ins Gericht, der tot ist und «hinüber, wie man nur hinüber aussehen kann» – ein Narrenkönig, ein Versager vor dem zwischenmenschlichen Glück, das sie beide einmal kurz in der Nacht in einem Boot erlebt haben.
Ein Frauenmonolog von einem männlichen Dichter, der nicht nur reizbar, sondern auch ein wortmächtiger Macho ist – kann das gutgehen? Bei den Theatermachern habe es darüber zunächst Diskussionen gegeben, verrät Thomas Oberender am Rande der Premiere.
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2009/06/22 von malteherwig
Nach Recherchen von Malte Herwig wurde der Schriftsteller Dieter Wellershoff von der NSDAP als Mitglied geführt. Danach gefragt, lud er unseren Autor zu sich nach Hause ein und begab sich auf Erinnerungssuche
Vor Kurzem bekam der Schriftsteller Dieter Wellershoff, 83, einen Brief des Bundesarchivs in Berlin: Man habe, ausgelöst durch eine Recherche des ZEITmagazins, eine auf seinen Namen ausgestellte Karte in der Mitgliederkartei der NSDAP entdeckt – Dieter Wellershoff, Mitglied Nr. 10.172.531 der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Eine hohe, also späte Nummer, eine vom letzten Aufgebot.
Wer durfte in die Partei? Nur wer für würdig befunden wurde und unterschrieb. Sagen die Historiker. Dieter Wellershoff, das einstige Mitglied der Schriftstellervereinigung Gruppe 47, ein Mann, der sich in Büchern und Essays oft mit der deutschen Katastrophe beschäftigte, sagt am Telefon: „Ich war total vor den Kopf geschlagen, als ich von der Karte erfuhr.“
Er ist bereit zum Gespräch. Es findet Tage später in seiner Kölner Altbauwohnung statt. Wellershoff breitet Dokumente und Fotos auf dem Glastisch aus. Die Entlassungsurkunde aus britischer Gefangenschaft liegt da, ein Fotoalbum aus den dreißiger und vierziger Jahren. Und die Kopie der NSDAP-Karteikarte. Weiterlesen »
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2009/06/11 von malteherwig
With all the news about nuclear tests and missile launch preparations, you’ve probably figured this wasn’t a good time to take a holiday in Kim’s kingdom. But you haven’t reckoned with Nick Bonner, whose company Koryo Tours has been organising trips to the secluded communist state for years.
I met Nick in North Korea last year, when I reported on the Pyongyang International Film Festival, and can safely say he’s a jolly nice chap. And he’s also an example of the indefatigable spirit of the British. Today, In a newsletter sent out by Koryo Tours today, Nick writes:
Despite the recent nuclear test and missile launches it is still business as usual and this is for us as well as for the various European Embassies in Pyongyang. We have tourists going in almost every week and fully expect the Arirang Mass Games to be going ahead from 10th August to the end of September and maybe into October, as previously confirmed. American tourists are welcomed during this time and tours are showing a high level of interest. This is one of the most interesting times to visit North Korea in recent memory, book now for a genuine once-in-a-lifetime trip!
Well, you have to give it to the Brits. They won’t take no for an answer.
UPDATE, 11 June 2009: Kim closes shop. The official (North) Korean International Travel Company have sent round an email saying that UK citizens will not be allowed in by the North Korean authorities any more: “In connection with the recent measures taken by UK government not to allow DPRK citizens to enter the UK we also will not receive any UK citizens as tourists to the DPRK for the time being.„
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2009/06/09 von malteherwig
VORABMELDUNG (den kompletten Artikel finden Sie im aktuellen ZEITmagazin)
Der bekannte deutsche Schriftsteller und Essayist Dieter Wellershoff, 83, wurde von der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) als Mitglied geführt. Wie Recherchen von ZEITmagazin-Autor Malte Herwig ergaben, existiert in der NSDAP-Mitgliederkartei im Bundesarchiv eine Karteikarteunter unter der Nummer 10.172.531 auf Wellershoffs Namen.
Der Mitgliedskarte zufolge wurde die Aufnahme des damals 18-jährigen Wellershoff in die NSDAP am 20.04.1944 beantragt und erfolgte rückwirkend zum 20.04.1943. Ein unterschriebener Aufnahmeantrag liegt nicht vor. Allerdings findet sich Wellershoff auf einer namentlichen Liste von 368 NSDAP-Aufnahmeanträgen, die am 28. Oktober 1944 von der Gauleitung Düsseldorf bei der Reichsleitung in München eingereicht wurden.
Mit dem Fund konfrontiert, erklärte sich Dieter Wellershoff zum Gespräch bereit. Es wurde ein langer Nachmittag, vier Stunden lang sprach er mit dem Autor des ZEITmagazins, Malte Herwig, über sein Leben in den Monaten vor Kriegsende.
Wellershoff, der am 3.11.1925 in Neuß geboren wurde, erlebte das Ende des Kriegs als Wehrmachtssoldat in der Division Hermann Göring. Nach 1945 arbeitete er für den Rundfunk sowie als Lektor und Herausgeber der Werke Gottfried Benns. Der profilierte Schriftsteller (Der Liebeswunsch) und Essayist ist Mitglied des P.E.N.-Clubs und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
Seine Bereitschaft, über die eigene Rolle in der damaligen Zeit zu sprechen, unterscheidet ihn von den meisten anderen Leitfiguren der Bundesrepublik, deren Verstrickung in die NS-Zeit später herauskam. Zu den Betroffenen gehören Martin Walser, Dieter Hildebrandt, Siegfried Lenz, Horst Ehmke, Hans Werner Henze und andere führende Intellektuelle und Künstler der Bundesrepublik. Das Auftauchen von immer mehr NS-Mitgliedskarteikarten prominenter Deutscher hat schon häufig für Diskussionen darüber gesorgt, ob die Angehörigen der Jahrgänge 1925-1927 vielleicht ohne eigenes Wissen in die NSDAP aufgenommen wurden.
Wellershoff selbst hatte vor zwei Jahren in einem SPIEGEL-Essay die Diskussion um die NS-Karteikarten als „journalistisches Sommertheater“ bezeichnet und seine Generationsgenossen in Schutz genommen. Ein Jahr zuvor kritisierte er in einem Artikel auf SPIEGEL Online den Schriftstellerkollegen Günter Grass dafür, dass der seine SS-Mitgliedschaft jahrzehntelang verschwiegen hatte.
Nun äußert er sich im Interview mit dem ZEITmagazin zu seinem Verhältnis als Jugendlicher zur NSDAP: „Vor diesen braunen Leuten habe ich nur Abscheu empfunden. Ich kann mich überhaupt nicht erinnern, dass ich irgendetwas unterschrieben hätte. Ich war nicht Mitglied der NSDAP. Ich hätte ja verrückt sein müssen, am Ende des Krieges einzutreten. Wem hätte ich damit gefallen wollen können? Wir Jungen wurden verheizt für die Fantasiepolitik der NSDAP. Damit diese Leute noch ein paar Monate länger an der Macht blieben.“
Wellershoff berichtet von Scheinbataillonen, aufgestellt in den letzten Kriegsmonaten. „Ich habe ein ganzes Feld voll gefallener Kameraden vor Augen, wenn ich daran denke.“ Und er sagt: „Dass ich den Krieg überlebt habe, habe ich versucht zurückzuzahlen, indem ich mich aufklärerisch verhalten habe.“
In der Tat hat Wellershoff in seinem literarischen und essayistischen Werk die eigene Zeit als Soldat, auch die eigene jugendliche Begeisterung dafür, mehrfach thematisiert.
Unter zeitgeschichtlichen Experten besteht indessen weitgehend Einigkeit, dass ohne eigenhändige Unterschrift der Betroffenen keine Aufnahme in die NSDAP möglich war. Der Historiker Armin Nolzen sagte dem ZEITmagazin: „Für eigenmächtige Anmeldungen durch HJ-Führer gibt es bis heute keinen einzigen empirischen Beweis“.
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2009/06/04 von malteherwig
Was schenkt man jemandem, der schon alles hat? Letzten Herbst hatte ich die Gelegenheit, den größten Gabentisch der Welt zu besichtigen: Eine in den Berg gehauene Schatzkammer mit über 180 Räumen voller Geschenke, der Eingang streng von Soldaten bewacht. Es sind Präsente, die Besucher aus aller Welt dem nordkoreanischen Diktator und „ewigen Präsidenten“ Kim Il Sung mitbrachten, der eigens zur Aufbewahrung eine „Freundschaftsausstellung“ in den Myohyang-Bergen vor Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang bauen ließ.
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Kims Schatzhöhle
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Türknauf zu Kims Schatzhöhle
In einem halben Jahrhundert hatte sich bei Kim Il Sung allerlei angesammelt: 222.522 Geschenke – man hatte genau zählen lassen. Nordkorea ist ein kommunistisches Land, aber der Personenkult um Vater und Sohn Kim trägt quasi-religiöse Züge. Nur hießen die heiligen drei Könige des Kommunismus Mao, Stalin und Ceausescu, und sie brachten nicht Weihrauch, Myrrhe und Gold, sondern gepanzerte Limousinen, Eisenbahnwaggons und Gewehre.
Von den Sandinisten aus Nicaragua ein ausgestopftes Krokodil mit Tablett und Whiskygläsern, ein Lehnsessel von Tito, eine kuriose Kuckucksuhr „von Drillingen aus der DDR“ – wie auf jedem Gabentisch gesellt sich hier Nützliches zu Nutzlosem. Umtauschen kommt ja nicht in Frage, das versteht sich bei Gastgeschenken von selbst. Es ist ein Schatz von orientalischen Ausmaßen. Nun ja, vielleicht nur ein Verschnitt aus 1001 Nacht und Quelle-Katalog, oder woher hatte Chinas Präsident Li Peng 1991 die billige Stereoanlage?
Was schenkt man jemandem, der schon alles hat? Für viele Deutsche ist das in der Vorweihnachtszeit trotz Krisenstimmung eine typische Luxusfrage. Für die Staatsgäste, die das bitterarme Nordkorea besuchen, ist es ein Problem. Denn die Menschen im Norden des geteilten Landes leiden unter Hungersnöten und Armut, während die Regierung Geld in die Produktion von Nuklearwaffen steckt. Aber Kim Il Sungs Sohn und Nachfolger Kim Jong Il hat gleich neben dem Vater seine eigene Schatzhöhle, in deren Zentrum eine Digitalanzeige den aktuellen Besitzstand angibt: Bis dato 56.474 Geschenke.
Wie so häufig sagen auch hier die Geschenke mehr über den Spender als über den Empfänger. Das billige Wodka-Set von Putin? Eigentlich eine Frechheit. Der von Michael Jordan signierte Basketball, den die ehemalige Außenministerin Madeleine Albright Kim Jong Il mitbrachte? Nicht ohne Hintersinn, wenn man bedenkt, dass der etwas kurz geratene Diktator Plateausohlen trägt. Der Computer eines südkoreanischen Unternehmens? Wohl ein Wink mit dem Zaunpfahl angesichts der Tatsache, dass das Internet in Nordkorea verboten ist.
Ein Geschenk aber war etwas Besonderes: In einer Vitrine lag ein Stück der Berliner Mauer, gewidmet 1990 von einer anonymen Spenderin aus Deutschland. Es war berührend, dieses Symbol friedlich überwundener Teilung zu sehen. Denn Nord- wie Südkoreaner wollen nichts lieber, als wieder vereinigt zu werden.
Im unterdrückten Nordkorea könnte das symbolträchtige Mauerstück aus dem fernen Deutschland die Hoffnung stiften, für die das Weihnachtsfest steht, dachte ich mir. Seit Jahrzehnten isoliert die kommunistische Diktatur das Land völlig von der Außenwelt. Die meisten Nordkoreaner, die durch Kims Schatzhöhle geführt werden, wissen wahrscheinlich nicht einmal, wo die deutsche Mauer stand und wer sie eingerissen hat. Und wenn sie es wüssten, dann käme ihnen das vielleicht wie ein Weihnachtsmärchen vor: Es war das Volk, das da laut protestierend durch die Straßen zog und sich selbst von Diktatur und Teilung befreite.
Für uns Deutsche aber ist es kein Weihnachtsmärchen, wir müssten es besser wissen. Dieses Mauerstück in Nordkorea sollte uns daran erinnern, was wir angesichts unserer Alltagssorgen und – klagen gerne vergessen: Dass wir die Wiedervereinigung unseres nicht ganz armen Landes einer friedlichen Revolution verdanken
(gesendet im Deutschlandradio Kultur am Heiligabend 2008, Beitrag zum Nachhören)
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2009/04/05 von malteherwig
Pjöngjang leuchtet. Jedenfalls die Skyline am Ufer des Taedong-Flusses, die wir nachts von unserem Hotel aus sehen können. Die Russen haben Öl geliefert, heißt es. Von Ferne dringt Baulärm über den Fluss, und Schweißbrenner blitzen aus nachtgrauen Gebäude-Gerippen.
Dahinter ragt das Ryugyong-Hotel, eine pyramidenförmige Bauruine, die einmal 3000 Zimmer und sieben Drehrestaurants beherbergen sollte, wie ein ausgeraubtes Pharaonengrab in den Himmel über Pjöngjang. Selbst diese brachliegende Betonmonstrosität soll zu neuem Leben erweckt werden. Ein ägyptisches Unternehmen – wie passend – will den Bau vollenden.
Kein Zweifel, es tut sich was im Herzen der Finsternis, in dieser Hauptstadt auf der „Achse des Bösen“, zu der die Bush-Regierung das kommunistische Nordkorea zählt. Nordkorea ist ein vom Rest der Welt hermetisch abgeriegeltes Niemandsland. Wer in Hamburger Buchhandlungen nach Reiseführern fragt, erntet Schulterzucken, auch das Reisebüro muss Sonderschichten schieben, um ein Flugticket zu organisieren.
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Ryugyong Hotel
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Kim Il Sung-Platz 2008
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Kim Il Sung-Mausoleum
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Musikschülerin
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Junge Tänzerinnen
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Trommlerinnen bei den Arirang-Massenspielen
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Arirang-Massenspiele
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Kinosaal in Pjöngjang
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Buchladen in Pjöngjang
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Karaoke-Bar
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Die SEK-Trickfilmstudios
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Badminton-Spielerin
Pjöngjang wirkt auf den ersten Blick wie ein Eisschrank, in dem der Kalte Krieg konserviert wurde. An jeder Straßenecke, jeder Fassade riesige Propagandaslogans, die zur Vernichtung des imperialistischen Klassenfeinds auffordern oder die Vorzüge des koreanischen Kommunismus preisen. Weiterlesen »
Veröffentlicht in Artikel | Verschlagwortet mit Arirang, Beatles, Britney Spears, Every Time, Film, Friedrich Nietzsche, Guns N' Roses, Karaoke, Kim Il Sung, Kim Jong Il, Kino, Mass Games, Massenspiele, May Day, Nordkorea, North Korea, November Rain, Pjöngjang, Pyongyang, Rolling Stones, SEK Studios | 8 Kommentare »
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