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	<title>Dr. Malte Herwig</title>
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		<title>Die Echtzeit des Journalismus</title>
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		<pubDate>Thu, 24 Dec 2009 08:29:49 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Futur II ist die neue Echtzeit des Journalismus: Alle berichten lange vorher, was jemand gesagt haben wird und was eine Untersuchung ergeben haben wird. Oder so, wie es die Nachrichtenagenturen gerade bei Köhlers Weihnachtsansprache machen. Die wird bekanntlich am 25. Dezember, also morgen gesendet. Aber dank ddp, Reuters und Co wissen wir heute schon, was [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=malteherwig.wordpress.com&blog=6718341&post=387&subd=malteherwig&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><p>Futur II ist die neue Echtzeit des Journalismus: Alle berichten lange vorher, was jemand gesagt haben wird und was eine Untersuchung ergeben haben wird. Oder so, wie es die <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,668888,00.html" target="_blank">Nachrichtenagenturen gerade bei Köhlers Weihnachtsansprache</a> machen. Die wird bekanntlich am 25. Dezember, also morgen gesendet. Aber dank ddp, Reuters und Co wissen wir heute schon, was das Staatsoberhaupt laut &#8222;vorab verbreitetem Redetext&#8220;  morgen &#8222;sagte&#8220;.</p>
<p>Deshalb mein Ratschlag, <a href="http://malteherwig.wordpress.com/2009/12/24/politik-unterm-weihnachtsbaum/" target="_blank">heute um 12.50h auf Deutschlandradio Kultur</a>: Jetzt zurückschlagen! Schluß mit der Politik unterm Weihnachtsbaum. Drehen Sie den Spieß um und senden Sie Ihre eigene Weihnachtsansprache an den Bundespräsidenten.</p>
Posted in Kommentar Tagged: Bundespräsident, Horst Köhler, Journalismus, Medien, Politik <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/malteherwig.wordpress.com/387/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/malteherwig.wordpress.com/387/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/malteherwig.wordpress.com/387/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/malteherwig.wordpress.com/387/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/malteherwig.wordpress.com/387/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/malteherwig.wordpress.com/387/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/malteherwig.wordpress.com/387/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/malteherwig.wordpress.com/387/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/malteherwig.wordpress.com/387/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/malteherwig.wordpress.com/387/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=malteherwig.wordpress.com&blog=6718341&post=387&subd=malteherwig&ref=&feed=1" /></div>]]></content:encoded>
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		<title>Kein Fest ohne Ansprache: Politik unterm Weihnachtsbaum</title>
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		<pubDate>Thu, 24 Dec 2009 08:28:20 +0000</pubDate>
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Auch das noch: Politik unterm Weihnachtsbaum &#8211; muss das sein? Es ist längst eine Binsenweisheit, dass das Private politisch ist, aber selten wird das so deutlich wie beim Weihnachtsfest. Bis ins alte Ägypten läßt sich die Tradition eines &#8222;Staatsweihnachtsfestes&#8220; zurückverfolgen, das in der Antike noch die Form eines Sonnenkults zum Zeitpunkt der Wintersonnenwende im Dezember [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=malteherwig.wordpress.com&blog=6718341&post=388&subd=malteherwig&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><div>
<p><strong>Auch das noch: Politik unterm Weihnachtsbaum &#8211; muss das sein? Es ist längst eine Binsenweisheit, dass das Private politisch ist, aber selten wird das so deutlich wie beim Weihnachtsfest. Bis ins alte Ägypten läßt sich die Tradition eines &#8222;Staatsweihnachtsfestes&#8220; zurückverfolgen, das in der Antike noch die Form eines Sonnenkults zum Zeitpunkt der Wintersonnenwende im Dezember hatte. </strong></p>
<p>Als das Christentum im 4. Jahrhundert zur Staatsreligion wurde, beerbte die Kirche den antiken Sonnenkult: An die Stelle des von den Römern am 25. Dezember gefeierten Geburtstag des &#8222;sol invictus&#8220; trat die Geburt Christi, dessen Nachfolger auf Erden der Kaiser war.</p>
<p>Es war der Beginn eines staatlichen Weihnachtskultes, der im Laufe der Zeit immer deutlichere Züge annahm. Im 15. Jahrhundert trug der König selber zur Weihnachtsmette das Evangelium vor. Im 15. und 16. Jahrhundert pilgerten deutsche Herrscher nach Köln zu den Gebeinen der Heiligen Drei Könige. Heutige Regierungschefs in Bund und Ländern machen es sich leichter: Sie lassen am Dreikönigstag die Sternsinger zu sich kommen.</p>
<p>Die moderne, typisch deutsche Familienweihnacht entstand um 1800 als Fest des städtischen Bürgertums. Das neue Weihnachtsfest wurde ein privates Ritual für Haus und Heim und stand doch von Anfang an unter politischen Vorzeichen. Schon in den 1780er-Jahren vermutete der Volkskundler Lorenz Westenrieder, das solche allgemein gefeierten Feste &#8222;eines der sichersten, wirksamsten Mittel seyn dürften, den Gemeingeist der Staatsbürger zu wecken, zu beleben und anzufeuern&#8220;. Eine staatstragende Hoffnung, die bis heute aus jeder Weihnachtsbotschaft jedes Bundespräsidenten klingt.</p>
<p>Der Politik verdanken wir auch den Weihnachtsbaum. Er fand erst während des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 weitere Verbreitung, nachdem die Heeresleitung in deutschen Lazaretten und Unterständen Weihnachtsbäume hatte aufstellen lassen. Im Ersten Weltkrieg schickten Familienangehörige den Soldaten im Feld Miniaturweihnachtsbäume. An der Heimatfront sorgten feldgraue Christbaumsoldaten aus Porzellan, Leder und Filz für kriegerische Feststimmung.</p>
<p>Dann kam die Massenkommunikation. 1923 verbreitete Reichskanzler Wilhelm Marx als erster Regierungschef einen Weihnachtsgruß per Rundfunk. Zwei Jahrzehnte später setzten die Nationalsozialisten den Reichsrundfunk als Instrument großdeutscher Weihnachtspropaganda ein, der an Heiligabend 1941 und 1942 per Liveschaltung von allen Kriegsfronten sendete: vom Atlantik bis Stalingrad, von Libyen bis zum Nordkap gaben Wehrmachtssoldaten Weihnachtsgrüße durch.</p>
<p>Als Ideologie mit eigener Heilslehre war der Nationalsozialismus darauf aus, die christliche Symbolik des Weihnachtsfestes durch ihr eigenes braunes Brauchtum zu ersetzen. Aus dem Weihnachtsbaum wurde der &#8222;Julbaum&#8220;, aus Nikolaus wurde Ruprecht, die Christrose mutierte zur Schneerose und statt des Sterns sollte ein Hakenkreuz die Baumspitze krönen.</p>
<p>Und doch, wie könnte es beim Fest der Hoffnung anders sein: Die hohe Politik kann sich nie ganz auf die Linientreue der feiernden Untertanen verlassen. 1914 kam es am Heiligabend in flandrischen Schützengräben zu spontanen Verbrüderungsszenen zwischen Engländern, Franzosen und Deutschen.</p>
<p>Das Weihnachtsfest mag der Familie gehören, aber gerade deshalb ist es auch ein politisches Stimmungsbarometer. Die besinnliche Atmosphäre gibt uns die Gelegenheit, die politische und wirtschaftliche Realität daran zu messen, was wir vom Fest der Liebe erwarten: soziale Sicherheit, Frieden, Harmonie.</p>
<p>Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, wagen Sie dieses Jahr doch mal ein Weihnachtsansprachenexperiment. Schon Brecht träumte ja davon, den Radiohörer vom Empfänger zum Sender zu machen. Im Zeitalter des multimedialen Internet ist das kein Problem mehr. Also drehen Sie den Spieß um und senden Sie Ihre eigene Weihnachtsansprache an den Bundespräsidenten!</p>
<p>Zuerst <a href="http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/1093484/" target="_blank">gesendet im Deutschlandradio Kultur</a> am 24. 12. 2009 (Audio: <a href="http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2009/12/24/drk_20091224_0722_eb84c6c2.mp3" target="_blank">MP3 zum Nachhören</a>)</p>
</div>
Posted in Kommentar Tagged: Bundespräsident, Heiligabend, Horst Köhler, Journalismus, Medien, Politik, Tannenbaum, Weihnachten, Weihnachtsbaum <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/malteherwig.wordpress.com/388/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/malteherwig.wordpress.com/388/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/malteherwig.wordpress.com/388/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/malteherwig.wordpress.com/388/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/malteherwig.wordpress.com/388/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/malteherwig.wordpress.com/388/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/malteherwig.wordpress.com/388/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/malteherwig.wordpress.com/388/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/malteherwig.wordpress.com/388/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/malteherwig.wordpress.com/388/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=malteherwig.wordpress.com&blog=6718341&post=388&subd=malteherwig&ref=&feed=1" /></div>]]></content:encoded>
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		<title>Georges Gespenster</title>
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		<pubDate>Wed, 30 Sep 2009 08:07:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>malteherwig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der George-Kreise nach des Meisters Tod &#8211; Ulrich Raulff erzählt in seiner Kreisbiografie eine Gespenstergeschichte für Erwachsene
Auch imaginäre Reiche können zerfallen. Bei Stefan George und seinem Kreis kann man den Beginn dieses Zerfalls genau datieren. In den frühen Morgenstunden des 4. Dezember 1933 tut der Dichter seinen letzten Atemzug. Von da an war das von [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=malteherwig.wordpress.com&blog=6718341&post=377&subd=malteherwig&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><p><strong>Der George-Kreise nach des Meisters Tod &#8211; Ulrich Raulff erzählt in seiner Kreisbiografie eine Gespenstergeschichte für Erwachsene</strong></p>
<p>Auch imaginäre Reiche können zerfallen. Bei Stefan George und seinem Kreis kann man den Beginn dieses Zerfalls genau datieren. In den frühen Morgenstunden des 4. Dezember 1933 tut der Dichter seinen letzten Atemzug. Von da an war das von George geschaffene „Dritte Reich“, anders als das ohne Anführungszeichen auskommende Machtgebilde Hitlers, den Jüngern überlassen.</p>
<p>Was dann geschah, beschreibt Ulrich Raulff als ziemlich atemberaubende Geschichte von Korruption und Zwist, als „schmutzige Ideengeschichte“ über den Streit um die Auslegung von Georges Botschaft. Andere Dichter mögen eine Wirkungsgeschichte haben, George hatte ein Nachleben. Die Bezeichnung als „Essay“ ist für ein Buch von mehr als 500 Seiten fast schon sittenwidrig, wäre da nicht der bewundernswert leichte essayistische Stil. Tatsächlich ist Raulffs Werk eine grandiose Art postumer Ideenbiografie.<span id="more-377"></span></p>
<p>Mit den „Blättern für die Kunst“ hatte George sich 1892 ein Verkündigungsorgan geschaffen, das sich von vornherein nur an „einen geschlossenen von den mitgliedern geladenen leserkreis“ wandte. Auf seinen vielen Reisen hatte der Dichter einen elitären Zirkel junger Männer um sich geschart, dessen Mitglieder sich über die größtmögliche Nähe zum Meister definierten und darin verausgabten, seine in kleinen Auflagen gedruckten Werke zu rezitieren und zu deuten. Ziel des Kreises war die Bewahrung und Überlieferung der Georgeschen Ideen.</p>
<p>Welche Ideen das genau waren, außer dass sie sich gegen Modern und technische Zivilisation richteten, aber für die &#8222;weltschaffende kraft der übergeschlechtlichen liebe&#8220; standen -  diese Frage waren unter den Jüngern schon zu Georges Lebzeiten ohne ein klärendes Machtwort des Meisters nur schwer zu beantworten. Diese lyrische Unbestimmtheit mochte den George-Anhänger Claus Graf Schenk von Stauffenberg zum Attentat auf Hitler motiviert haben. Eine eindeutig Ablehnung nationalsozialistischer Ideen aber ließ sich George nie nachweisen. Umso verbissener stritten sich die Jünger nach seinem Tode um die Auslegung der Meisterworte und verfielen schließlich in Schweigen.</p>
<p><strong>Zerstritten wie die Vereinten Nationen</strong></p>
<p>Ein Kreis ohne Zentrum, ein Rad ohne Achse, ein Reich ohne Herrscher? Was passiert da, welche gruppendynamischen und psychologischen Prozesse setzt solch eine Enthauptung frei? Schließlich war, wie Raulff schreibt, der „Kreis“ ein „ungeheures Mobile aus Menschen, Bildern und Ideen, das der Mann im Zentrum, der „Meister“ oder große Uhrmacher, beständig in Fahrt halten und justieren musste“. Wie tickt der Kreis, wenn der Uhrmacher nicht mehr ist?</p>
<p>Für Raulff ist die Geschichte des George-Kreises nach dem 4. Dezember 1933 eine Geschichte des Erlöschens: Rezeptions- als Dekadenzgeschichte. Mit feinem Gespür, reichlich neuem Material und auf der Basis persönlicher Gespräche mit letzten Überlebenden zeichnet er die posthume Geschichte des George-Kreises als fortwirkenden Niedergang, als Tanz der Jünger um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht: „Wie hoch auch immer der Preis an Zwanghaftigkeit, ja Lächerlichkeit war, den sie zu zahlen hatten – gegenüber einem Leben in den Höllen des Gewöhnlichen schien ihnen ihr altes Leben im Fluidum des Außerordentlichen und in der Gewissheit des Erwähltseins vorzuziehen“.</p>
<p>Sie waren schon ein seltsames Häuflein: exzentrisch wie ein englischer Herrenclub, sendungsbewußt wie die Evangelisten, aber zerstritten wie die Vereinten Nationen. In Memoiren und Antimemoiren versuchten Kreismitglieder von Robert Boehringer über Ernst Morwitz bis zu Wolfgang Frommel, das jeweils eigenes Bild des Meisters zu bewahren und zu behaupten.</p>
<p>Die bitter ausgefochtenen Diadochenkämpfe um das Erbe des Dichters führen schließlich fast zu seiner vollständigen Auslöschung. Dieses Gruppenporträt ist also keine Apostelgeschichte, eher eine „Gespenstergeschichte für Erwachsene“ (Aby Warburg).</p>
<p>Dabei entpuppt sich Raulff, Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach und Mitherausgeber der jungen <em>Zeitschrift für Ideengeschichte</em>, als melancholisch-gewitzter Pionier einer neuen Ideengeschichte, die im Verfall Erkenntnis sucht.</p>
<p>Nichts sei interessanter als die Desintegration, denn aus den Epiphänomenen des langsamen Zerfalls lassen sich Rückschlüsse auf die einstige Gestalt des Dahingeschwundenen ziehen. Zerfall als negative Schöpfung. Die langsame Selbstabwicklung der George-Jünger ist für Raulff „vielleicht das größte Kunstwerk Stefan Georges überhaupt“ – in jedem Fall ein „Meisterwerk der Dekomposition“.</p>
<p>Es ist ein gewagter, ein spannender Vorsatz dieser neuen antipostmaterialistischen Ideengeschichte, die den archivalischen Boden der Tatsachen nicht scheut und sich doch mit den Fesseln des Positivismus nicht daran ketten lässt.</p>
<p><strong>Überwintern in Weltbild-Ruinen</strong></p>
<p>Keine leichte Aufgabe. Bis zum Kraftakt von Thomas Karlaufs George-Biografie vor zwei Jahren ist George außerhalb von Doktorandenzirkeln und allerletzten Eingeweihten wenig Aufmerksamkeit zuteil geworden. Die George-Jünger waren eine sperrige und abseitige Truppe, ihre Memorialliteratur gilt als notorisch unzuverlässig, voller Kolportagen und dem Eigeninteresse verpflichteten Legenden. Auf manchen Dokumenten, wie dem Nachlass von Ernst Morwitz in der New York Public Library, hocken noch immer eifersüchtig wachende Gralshüter. Viele vermeintliche Tatsachen der George-Überlieferung sind oft nur durch einen einzigen Zeugen belegt oder durch widersprüchliche Aussagen für den Historiker nahezu unauflösbar. Hat Stauffenberg vor seiner Hinrichtung das „geheiligte Deutschland“ angerufen? Das „heilige“? Oder gar das „geheime“?</p>
<p>Raulff akzeptiert solche Probleme als gegeben, ohne sie zu leugnen. Er hält „fiktive Tatsachen“ unters Mikroskop und untersucht die Halbwertzeit von Ideen. Während mancher Literaturhistoriker den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, streift er mit der gespannten Gelassenheit des Fährten- und Spurensuchers durch den streng geforsteten Wald der Überlieferung und entfacht mit so manchem Zettelfund ein Feuerwerk.</p>
<p>Dieses Buch haucht wieder Leben ins Nachleben des Stefan George. Es zeigt, wie die dem Erinnerungs-Dienst und Georgeschen Heilsrezepten verpflichtete Lebensweise der Jünger fast notwendig in die politische Obskuranz und gesellschaftliche Isolation führen musste. Waren die Ideen des Kreis-Meisters schon immer esoterischer Exklusivität verpflichtet, so wurden sie in der Nachkriegsgesellschaft endgültig zu ideologischer Bückware, und aus dem geheimen Deutschland wurde ein heimliches. Die postkatastrophale Warenwelt war kaum dazu angetan, George-Jüngern einen angemessenen Lebenswandel zu ermöglichen. Eher muß man, wie Raulff an vielen biographischen Beispielen wie Werner Vordtriede, Georg Picht oder Hellmut Becker detailliert aufzeigt, vom ruinösen Überleben in einer als feindliche empfundenen Geisteswelt sprechen. „Auch in Weltbildruinen lässt sich lange überwintern, und der Staat Georges war eine besonders spektakuläre Ruine: ein failing state, wie man heute sagen würde, der allmählich in dark networks zerﬁel“.</p>
<p><strong>Was zählt, ist der Ritus</strong></p>
<p>Beim Stöbern in diesen dunklen Netzwerken fördert Raulff so manches vielsagende Kuriosum zutage: So beobachten wir mit ihm Hermann Speer, den Bruder von Hitlers Rüstungsminister, wie er sich 1949 von einem Spezialisten für Astralanalyse namens Ernst-Günter Paris ein Beziehungshoroskop über den Tag seiner ersten Begegnung mit dem Meister erstellen lässt. Wir stöbern durch den „skurrilen Skulpturenpark“, den Georges Jünger hinterlassen haben (und den Raulff letztes Jahr in Marbach ausstellte). Wir sehen die späten Kreis-Epigonen, die ihre George-Verehrung wie eine tridentinische Messe zelebrieren. Was zählt, ist der Ritus, nicht die Kommunikation. Im Notfall wird geheimnisvoll geschwiegen: „Was sich bei den Epigonen daraus entwickelt, ist ein Schweigen, das den Umschlag von Glauben in Ressentiment begleitet, ein ängstliches, ein verstocktes Schweigen. Den Glauben, den es an die Sprache nicht verraten will, verrät es an die Macht der Ministranten.“</p>
<p>Am Ende erweist sich die langsame Auflösung auch als Erlösung. Die strengen Formen zerfallen und entlassen die Nachkommen der letzten Jünger in ein freieres, zeitgemäßes Leben, das nicht mehr unter dem Diktat der alten Ideen steht. Das Buch endet nicht zufällig im Jahr 1968, dem 100. Geburtstag Georges. Die 55 Jahre vom annus horribilis 1933 bis zum Satyrspiel 1968 markieren zugleich eine entscheidende Epoche der deutschen Ideengeschichte im 20. Jahrhundert. Raulff zeigt, wie sehr diese Epoche durch die offene Ablehnung oder heimliche Verehrung von Georges Ideen geprägt wurde. Seine Kreis-Biografie ist nicht weniger als das erste Meisterstück einer neuen Ideengeschichte.</p>
<p>MALTE HERWIG</p>
<p>(in geänderter Fassung erschienen in: LITERATUREN, Oktober 2009)</p>
<p><span style="text-decoration:underline;"><a href="http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=28143" target="_blank">Ulrich Raulff, </a><em><a href="http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=28143" target="_blank">Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben.</a></em><a href="http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=28143" target="_blank"> C.H. Beck, 544 S., €29,90</a></span></p>
Posted in Rezension Tagged: Aby Warburg, Deutsches Literaturarchiv Marbach, Georg Picht, George-Kreis, Geschichte, Hellmut Becker, Ideengeschichte, Literatur, Stefan George, Ulrich Raulff, Werner Vordtriede <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/malteherwig.wordpress.com/377/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/malteherwig.wordpress.com/377/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/malteherwig.wordpress.com/377/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/malteherwig.wordpress.com/377/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/malteherwig.wordpress.com/377/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/malteherwig.wordpress.com/377/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/malteherwig.wordpress.com/377/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/malteherwig.wordpress.com/377/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/malteherwig.wordpress.com/377/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/malteherwig.wordpress.com/377/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=malteherwig.wordpress.com&blog=6718341&post=377&subd=malteherwig&ref=&feed=1" /></div>]]></content:encoded>
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		<title>Offline-Kandidaten im Netz</title>
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		<pubDate>Wed, 30 Sep 2009 07:48:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>malteherwig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Warum der Wahlkampf auch im Internet nicht besser war, aber die Wähler trotzdem davon profitierten
Der beste Platz für einen Politiker, wusste Loriot, ist das Wahlplakat: „Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen“. Dass Plakate auch im Zeitalter von Email und Internet noch Aufmerksamkeit erregen können, zeigte im vergangenen Wahlkampf die CDU-Politikerin Vera Lengsfeld, [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=malteherwig.wordpress.com&blog=6718341&post=369&subd=malteherwig&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><p><strong>Warum der Wahlkampf auch im Internet nicht besser war, aber die Wähler trotzdem davon profitierten</strong></p>
<p>Der beste Platz für einen Politiker, wusste Loriot, ist das Wahlplakat: „Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen“. Dass Plakate auch im Zeitalter von Email und Internet noch Aufmerksamkeit erregen können, zeigte im vergangenen Wahlkampf die CDU-Politikerin <a href="http://www.vera-lengsfeld.de" target="_blank">Vera Lengsfeld</a>, die mit ihrem Dekolleté und dem der Bundeskanzlerin unter dem Motto „Wir haben mehr zu bieten“ im Berliner Szene-Bezirk Kreuzberg um Stimmen buhlte.</p>
<p>Noch eine Spur krasser plakatierte die Kandidatin der Partei „Die Linke“, <a href="http://www.wawzyniak.de/" target="_blank">Halina Wawzyniak</a>, im gleichen Wahlbezirk. Sie ließ sich von hinten in enger Jeans ablichten. Der sinnfreie Wahlspruch dazu: „Mit Arsch in der Hose in den Bundestag“. Dagegen wirken die farbenfrohen Comic-Plakate schon fast staatstragend, mit denen der grüne Bundestagsabgeordnete <a href="http://www.stroebele-online.de/" target="_blank">Hans-Christian Ströbele</a> seit Jahren das Direktmandat in Kreuzberg erringt.</p>
<p>Der „<a href="http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/busen-wahlkampf-in-berlin/" target="_blank">Busen-Wahlkampf</a>“ (taz) bewies vor allem eins: Erlaubt ist, was Aufmerksamkeit erregt. Konnte der 2002 von der FDP veranstaltete Spaßwahlkampf um das „Projekt 18%“ noch als Ausrutscher gelten, erliegen heute immer mehr Politiker aller Parteien der Versuchung, um jeden Preis auffallen zu wollen. Denn inhaltliche Botschaften spielten im Wahlkampf 2009 kaum noch eine Rolle. Wenn sich selbst die Parteiprogramme nur wenig voneinander unterscheiden, wird der Wahlkampf zum Wahlkrampf und das Medium zur Botschaft.<span id="more-369"></span></p>
<p>Da erschien es wenig verwunderlich, dass einer <a href="http://www.stefan-niggemeier.de/blog/tag/dpa/" target="_blank">Forsa-Umfrage zufolge 18 Prozent aller Wahlberechtigten ihre Stimme einem fiktiven Politiker geben w</a>ollten: dem von TV-Komiker Hape Kerkeling gespielten Kandidaten Horst Schlämmer aus Grevenbroich, dessen Polit-Satire „Isch kandidiere“ gerade in den Kinos zu sehen ist. Klar, seit Mark Twain wissen wir: &#8222;There are three kinds of lies: lies, damned lies and statistics.&#8220; Trotzdem war auch klar, dass sich der eine oder andere Lokalpolitiker von so viel Popularität gerne eine Scheibe abschneiden wollte. Die Grevenbroicher CDU, die in einer Wahlkampfanzeige mit dem Konterfrei von Schlämmer für ihre Bürgermeisterkandidatin warb, handelte sich prompt eine Abmahnung von Kerkelings Produktionsfirma ein.</p>
<p>Sind aus unseren Volksvertretern Volksverdummer geworden, mit allen negativen Konsequenzen für die demokratische Kultur? Oder ist die Verflachung gar nicht den Politikern anzulasten, sondern Folge einer schleichenden Banalisierung der Öffentlichkeit durch seichte Polit-Talkrunden und Kanzler-Castingshows im Fernsehen? Mit anderen Worten: Bekam die Spaßgesellschaft einfach nur den Wahlkampf, den sie verdient?</p>
<p>So leicht wird man die Politik nicht aus ihrer Vorbildfunktion entlassen können. Denn ob die angebliche Selbstironie der eingangs zitierten Wahlsprüche von den meisten Wähler goutiert, ja ob sie überhaupt als solche wahrgenommen wird, ist mehr als fraglich. Das zeigt ausgerechnet ein Medium, dass heutzutage für allerlei gefährliche Tendenzen verantwortlich gemacht wird, ob es um Gewaltverherrlichung, Kinderpornographie oder soziale Isolation geht: das Internet.</p>
<p>Dort sind heutzutage alle Politiker, die etwas auf sich halten, mit Webseiten, Blogs, Email-Newslettern, Podcasts und sogar eigenen Video-Kanälen wie „<a href="http://www.youtube.com/user/cdutv" target="_blank">CDU TV</a>“, „<a href="http://www.youtube.com/user/GRUENE" target="_blank">Kanal Grün</a>“ oder „<a href="http://www.youtube.com/user/FDP" target="_blank">TVliberal</a>“ vertreten. Die partizipative Struktur des Web 2.0 (Mitmach-Web) mit seinen sozialen Netzwerken, Diskussionsforen und Kommentarfunktionen sorgt allerdings dafür, dass die Kommunikation nicht nur in eine Richtung läuft. Und schon so mancher Politiker muss auf einmal feststellen: Wie man in den Wählerwald hineinruft, so schallt es auch heraus. Im Internet verschafft sich Volkes Stimme nicht nur auf Parteitagen und Wahlveranstaltungen Gehör, sondern rund um die Uhr, schneller und heftiger denn je.</p>
<p>So sah sich die CDU-Politikerin Lengsfeld nach ihrer Plakataktion mit saftigen Kommentaren auf ihrem Internet-Blog konfrontiert. Als „inhaltsleer und peinlich“, „puren Sexismus“ und „albernen Schabernack“ schmähten viele Bürgerinnen und Bürger die skurrile Aktion und teilten der Politikerin ihr Missfallen mit: „Entweder hat Ihre Agentur sie kräftig verarscht, oder aber Sie sind von allen guten Geistern verlassen“. Auch auf der Website von Linke-Kandidatin Wawzyniak hagelte es Kritik. Ein Kommentator befürchtete gar „<a href="http://www.wawzyniak.de/?p=2353" target="_blank">Silvio Berlusconi als Trendsetter für den deutschen Wahlkampf</a>“. Einen schlimmeren Tort als den Vergleich mit Italiens triebgesteuertem Regierungscasanova kann man einer deutschen Politikerin nicht antun. Herbert Wehner wäre begeistert gewesen.</p>
<p>Allerdings bietet das Internet der Politik auch einen unschätzbaren Vorteil: Nie war es so leicht, die politische Basis in den Wahlkampf einzubeziehen. Schon fünf Jahre vor Barack Obamas siegreicher Wahlkampagne 2008 nutzte sein Parteifreund Howard Dean im US-Präsidentschaftswahlkampf Kampagnenblogs und Email-Newsletter für den Dialog mit der Parteibasis. Die „Grassroots“,  gestalteten so nicht nur Deans Wahlkampf mit, sondern unterstützte ihn auch durch zahlreiche Mikrospenden, die in der Summe einen neuen Spendenrekord ergaben.</p>
<p>Kern der Internet-Wahlkampagne von Barack Obama war eine gewaltige eigene Unterstützer-Datenbank, die es Kampagnenmanagern dank Informationsübertragung in Echtzeit möglich machte, sofort auf aktuelle Ereignisse zu reagieren und gezielt ad-hoc-Unterstützung zu mobilisieren. Das ist auch nach dem Wahlkampf nützlich: Wer sich einmal auf der Obama/Biden-Website registriert hat, erhält fast wöchentlich „persönliche“ Emails von „President Barack Obama“, in denen er aufgerufen wird, Online-Petitionen zu unterzeichnen oder mit kritischen Leserbriefen gezielt gegen konservative Radiomoderatoren zu agitieren. In den USA werden die Instrumente des Online-Wahlkampfs während der gesamten Legislaturperiode zur Unterstützung der Regierungs- oder Oppositionspolitik mobilisiert. Inzwischen hat sogar der Hund des Präsidenten einen eigenen Blog.</p>
<p>Obamas Wahlkampfteam mobilisierte damit mehr als acht Millionen Helfer. „Doch diesen Erfolg dürfen deutsche Parteien nicht als Maßstab anlegen“, warnt Kommunikationswissenschaftler <a href="http://www.manuel-merz.de/" target="_blank">Manuel Merz</a>. „In Amerika sind Parteien beim Wahlkampf traditionell auf freiwillige Unterstützer außerhalb der Partei angewiesen. Hierzulande kommen Wahlhelfer vorwiegend aus den eigenen Parteireihen“, erklärt der Autor des Handbuches „<a href="http://www.wahlkampf-im-internet.de/" target="_blank">Wahlkampf im Internet</a>“ (LitVerlag 2009). Auch über das Internet erreichen deutsche Parteien deshalb vor allem ihre eigenen Mitglieder. Auf umfassende Unterstützerdatenbanken wie bei Obama und Co. müssen deutsche Wahlmanager ohnehin verzichten, denn hierzulande verbietet der Datenschutz das vernetzte Sammeln von persönlichen Angaben und Adressen.</p>
<p>Dennoch investierten die Parteien auch in Deutschland hohe Summen in den Online-Wahlkampf und überboten sich gegenseitig bei dem Versuch, neue Kommunikationskanäle zum Wahlvolk zu erschließen. Wer sich auf der FDP-Website registrierte, wurde im Gegenzug „<a href="http://mitmachen.fdp.de/webcom/register.php" target="_blank">von Guido Westerwelle und seinem Team per E-Mail aus erster Hand</a>“ informiert. Auf der „<a href="http://www.team2009.de/" target="_blank">teAM Deutschland</a>“-Website der CDU konnten Unterstützer nicht nur T-Shirts „für super günstige fünf Euro“ erwerben oder eine „Zugfahrt mit Angie“ gewinnen, sondern auch mit Aktionen wie Briefeschreiben Punkte sammeln. Auf der Website der <a href="http://www.gruene.de/" target="_blank">Grünen</a> hieß es: „Du kannst ganz easy online aktiv werden“. Betont interaktiv gab sich die SPD, die mit „<a href="http://www.spd.de/de/aktuell/nachrichten/2009/06/iSPD-Mobile-SPD-Wahlkampzentrale-gestartet.html" target="_blank">iSPD</a>“ sogar ein eigenes Programm als &#8222;mobile Wahlkampfzentrale&#8220; für das iPhone entwickelte, mit dem die Wahlkampfreporter der „Generation Upload“ von unterwegs Fotos und O-Töne hochladen können.</p>
<p>Dem Kandidaten Steinmeier half das alles am Ende wenig, und man könnte sagen: Die modernste SPD aller Zeiten hat das schlechteste Ergebnis aller Zeiten eingefahren (jedenfalls seit 1949).</p>
<p>Wer als Partei im Internet erfolgreich sein will, sollte dessen spezifische Anforderungen und Möglichkeiten genau kennen. Als Frank-Walter Steinmeier eine Stunde nach der Vorstellung seines Kompetenzteams im Fernsehen seine Facebook-Gemeinde immer noch nicht über diesen nicht ganz unwichtigen Wahlkampfevent informiert hatte, zeigte sich diese verschnupft, und der Polit-Blogger Robin Meyer-Lucht schmähte den SPD-Spitzenmann schon als „<a href="http://carta.info/8211/frank-walter-steinmeier-der-offline-kandidat/" target="_blank">Offline-Kandidat</a>“. „Die Parteien füllen oft nur ihre Videokanäle ohne sich Gedanken über ihre Zielgruppen zu machen“, kritisiert auch Online-Experte Merz. „Extra für das Web gedrehte Videos wie die auf Backstage-Berichte getrimmten Grünen-Kurzdokus oder Fricke-und-Solms-Sketchversuche der FDP sind gute Ansätze, freilich nur für Partei-Insider wirklich interessant.“</p>
<p>Um nicht nur das eigene Parteivolk zu erreichen, müssen Spitzenkandidaten auch auf den etablierten externen Online-Plattformen wie „Twitter“, „meinVZ“, „Facebook“ oder „Wer-kennt-wen“ vertreten sein. Dort erreichte etwa die CDU „<a href="http://www.faz.net/s/Rub4D6E6242947140018FC1DA8D5E0008C5/Doc~E3300CDFE24B34E62AEE80079BC045B76~ATpl~Ecommon~Scontent.html" target="_blank">deutlich mehr Menschen als über die eigenen Domains</a>“, resümierte ein kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen zitiertes Papier der Konrad-Adenauer-Stiftung. Allein auf der Website des sozialen Netzwerks „meinVZ“ hatte Kanzlerin Merkel schließlich über 60000 Fans, Konkurrent Frank-Walter Steinmeier mehr als 16000, FDP-Spitzenkadidat Guido Westerwelle rund 20000.</p>
<p>Trotz der vermeintlichen Nähe zu Angie, Frank-Walter, Guido, Cem und Co. – so richtig warm wurde man mit den Kandidaten im Internet nicht. Die private Atmosphäre wirkte aufgesetzt und inszeniert, der Ton oft anbiedernd oder hölzern. Bestes Beispiel: Frank-Walter Steinmeier. Am Online-Wahlkampf der SPD sei technisch nichts auszusetzen, resümierte der Online-Branchendienst Meedia, und doch: <a href="http://meedia.de/nc/background/meedia-blogs/stefan-winterbauer/stefan-winterbauer-post/article/steinmeier-geht-im-web-baden_100022347.html" target="_blank">„Steinmeier ist einfach kein Mann fürs Web2.0“</a>.</p>
<p>Nachdem das ZDF eine Dokumentation über den Kandidaten ausgestrahlt hatte, verbreitete das SPD-Wahlkampfteam das Video via Facebook und Twitter. Die Reaktion der Webgemeinde fiel anders aus, als die Parteistrategen sich das vermutlich gedacht hatten, und Steinmeiers offene Selbstdarstellung erntete vor allem Kritik. Ein User twitterte: <a href="http://twitter.com/Dandeloo/status/3130322784" target="_blank">„Gerade beim ZDF ein Porträt über #Steinmeier gesehen. So ne offene mediale Demontage hab ich schon lange nicht mehr erlebt“</a>. Ein anderer: „Ich lerne, selbst die Freunde von Steinmeier können ihn nur demontieren. Das Jubelportät im ZDF lässt ihn armselig erscheinen. Kein Lenker.“</p>
<p>Ob heute das Internet frei nach Loriot der beste Platz für einen Politiker ist, darf mithin bezweifelt werden. Dass die Offenheit des Web 2.0 es den Wahlkämpfern nicht eben leichter machte, den Wählerinnen und Wählern das Blaue vom Himmel zu versprechen, ist allerdings gut für unsere Demokratie. Zahlreiche überparteiliche Blogs und Foren sorgten dafür, dass es noch nie es so leicht war, sich als Staatsbürger über Parteiprogramme, Politikeraussagen und deren Wahrhaftigkeit zu informieren. Ein Fazit kann nach diesem vermeintlich langweiligsten aller Wahlkämpfe trotz allem gezogen werden: Auch wenn die Wahlbeteiligung gering war, muß man sich um die Demokratiefähigkeit der deutschen Wählerinnen und Wähler 60 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik keine Sorgen machen.</p>
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		<title>Die Rache der Frau am Dichter</title>
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		<pubDate>Mon, 14 Sep 2009 14:37:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>malteherwig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Peter Handkes neues Stück, bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, ist eine grandiose Selbstdemontage. 
Frauen, die lesen, sind gefährlich, heisst es. Aber stimmt das überhaupt? Ist das Lesen nicht ein Echo des Schreibens, das die Männer am liebsten allein und für sich tun? Sind Frau­en in Männertexten nicht immer nur Puppen an den Fäden der Meister? [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=malteherwig.wordpress.com&blog=6718341&post=360&subd=malteherwig&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><p style="font:9.5px Helvetica;margin:0;"><span style="font-family:Georgia, 'Times New Roman', 'Bitstream Charter', Times, serif;font-size:13px;line-height:19px;"><strong>Peter Handkes neues Stück, bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, ist eine grandiose Selbstdemontage. </strong></span></p>
<p>Frauen, die lesen, sind gefährlich, heisst es. Aber stimmt das überhaupt? Ist das Lesen nicht ein Echo des Schreibens, das die Männer am liebsten allein und für sich tun? Sind Frau­en in Männertexten nicht immer nur Puppen an den Fäden der Meister? Gefährlich wird es erst, wenn die Frauen sich mit Worten bewaff­nen, wie in Peter Handkes neuem Stück «Bis dass der Tag euch scheidet». Mit der Doppel­premiere von Becketts «Das letzte Band» und Handkes Antwort darauf sorgten Schauspiel­direktor Thomas Oberender und Regisseur Jossi Wieler bei den Salzburger Festspielen für eine wohl einzigartige Konstellation im Welttheater der Geschlechter: Handke hat seinen Frauenmonolog als Echo auf Becketts Stück über den alten, abgehalfterten Schriftsteller Krapp verfasst, der im Alter von 69 Jahren und kurz vor seinem Tod Tonbänder abhört und über die verflossene Liebe zu einer «unbekann­ten Frau» nachsinnt. Ihr gibt Handke nun eine Stimme, und in der ungehaltenen Rede geht sie ziemlich schonungslos mit dem Schriftstel­ler ins Gericht, der tot ist und «hinüber, wie man nur hinüber aussehen kann» – ein Nar­renkönig, ein Versager vor dem zwischen­menschlichen Glück, das sie beide einmal kurz in der Nacht in einem Boot erlebt haben.</p>
<p>Ein Frauenmonolog von einem männlichen Dichter, der nicht nur reizbar, sondern auch ein wortmächtiger Macho ist – kann das gutgehen? Bei den Theatermachern habe es darüber zu­nächst Diskussionen gegeben, verrät Thomas Oberender am Rande der Premiere.</p>
<p><span id="more-360"></span>Nachdem der Bananen mampfende Krapp (André Jung) sein letztes Band besprochen hat, öffnet und dreht sich die Bühne und gibt den Blick auf zwei Stelen frei – die Grabmale des Ehepaars. Darauf projiziert laufen Szenen einer Ehe ab. Sie untermalen dezent die Rede der Frau (Nina Kunzendorf) an Krapp, die den zweiten Teil des Abends einnimmt. Zugleich unterlau­fen sie durch klare Rollenteilung ihrenWunsch nach Gleichberechtigung: links eine Frauen-hand, die ein Buch hält, rechts eine auf der Schreibmaschine tippende Männerhand.</p>
<p>Schon Beckett hatte 1975 mit dem Gedanken gespielt, ein Stück über die Frau im Boot zu schreiben. Er tat’s dann doch nicht, und eigent­lich hat auch Handke es nicht getan. Seine Frau gleicht der antiken Nymphe Echo, die im­mer nur das wiedergeben kann, was man zu ihr gesagt hat.Auch bei Handke erfahren wir wenig über die Frau, aber viel über den raumgreifen­den Schriftsteller, dem sie Vorhaltungen macht. Noch ihre Anklage ist ein Nachhall seiner Rede und seines Schweigens. Auch ihr Protest dient dem Nachruhm des Schriftstellers, der sich im­mer als «Weltchampion des taghellen Spiels» gesehen hat, die Frau aber in ihrer zeichenlo­sen Nacht zurücklässt. Was war er für ein Typ, zu Lebzeiten? Ein finster blickender Unglücks­prophet, der schon als Kind um sich herum den «Tempel des Nichtendenwollenden Deutens und Bedeutens» errichtet hatte und fortan da­rin wie in einem Gefängnis sass. Einer, der schon im Schweigen über andere bestimmt und im Reden erst recht: «Mein Platz», klagt die Frau, «war ausschliesslich in deinen Sätzen.»</p>
<p>Kein Zweifel, das ist Handke selbst. Auf die Idee muss man erst mal kommen, so raffiniert und selbstbewusst Kunst und Leben zu verknüp­fen, dass mancher Theaterkritiker noch denkt, hier handele es sich bloss um «Rezeption» oder ähnlich Langweiliges. Denn Handke geht nicht nur mit der oberflächlichen Deutungskunst ins Gericht, sondern auch mit der eigenen Dichterexistenz. Material dazu hat er genug, sowohl in künstlerischer Hinsicht wie auch an verflossenen Lieben. Das Stück ist seiner Frau Sophie Semin gewidmet, und bei der Urauf­führung sass ganz vorne in einer Loge Marie Colbin, die viele Jahre Handkes Geliebte war.</p>
<p>«Bis dass der Tag euch scheidet» ist eine Ab­rechnung des alten Dichters mit sich selbst (Handke ist zwei Jahre jünger als Krapp) und eine schonungslos-grandiose Selbstdemontage des Künstlerseins aus Sicht der Frauen. Versa­gensängste stehen neben der Hoffnung auf Er­lösung. Das für Handke so typische Spielhafte kontrastiert mit der ebenfalls charakteristi­schen Schwermut und Eindringlichkeit. Es geht um nicht weniger als das Schicksal der Kunstverschriebenheit, die den Künstler vom «blühenden Leben» der Frau weg-, aber auch zum Leben hinführen kann.</p>
<p>Während André Jung den alten Krapp mit einer grossartigen physischen Präsenz und spar­samen Gesten erfüllt, nimmt man Nina Kun­zendorfs Frau die Anklägerin nicht ganz ab. Mit ihrer nah am Plauderton plätschernden Rede und den teilweise willkürlich wirkenden Gesten entfacht sie eher ein laues Lüftchen als den Sturm, der durch beide Werke fegt.</p>
<p>Der Sturm: Für Becketts Krapp war Schreiben die «unzerstörbare Verknüpfung bis zu mei­nem letzten Atemzug von Sturm und Nacht mit dem Licht der Erkenntnis und dem Leucht­feuer».Wetterwarnung auch bei Handke: «Fort­dauernder Sturm» heisst es zweimal gegen Ende des Stücks. Das Zitat, eine Regieanwei­sung aus Shakespeares «King Lear», hatte sich Handke bereits vor einem Vierteljahrhundert in sein Notizbuch geschrieben. «Storm Still» lautet auch der Titel seines nächstes Jahr auf die Bühne kommenden grossen Partisanenstücks.</p>
<p>Nein, dieser Dichter hat noch lange nicht vor, in irgendeinen Hafen einzulaufen. In einer Welt von Pfützen sucht der Gefühlsabenteurer Hand­ke die wilde See. Wie schreibt er im Nachwort, Pascal zitierend: «Wir sind eingeschifft.»</p>
<p><a href="http://www.amazon.de/euch-scheidet-oder-Frage-Lichts/dp/3518420968" target="_blank"> Peter Handke: Bis dass der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2009.</a></p>
<p style="font:9.5px Helvetica;margin:0;"><span style="font-family:Georgia, 'Times New Roman', 'Bitstream Charter', Times, serif;font-size:13px;line-height:19px;">(&#8222;Weltwoche&#8220; vom 12.08.2009)</span></p>
Posted in Rezension Tagged: Literatur, Pascal, Peter Handke, Salzburg, Salzburger Festspieler, Samuel Beckett, Suhrkamp Verlag, Theater, Thomas Oberender <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/malteherwig.wordpress.com/360/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/malteherwig.wordpress.com/360/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/malteherwig.wordpress.com/360/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/malteherwig.wordpress.com/360/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/malteherwig.wordpress.com/360/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/malteherwig.wordpress.com/360/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/malteherwig.wordpress.com/360/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/malteherwig.wordpress.com/360/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/malteherwig.wordpress.com/360/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/malteherwig.wordpress.com/360/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=malteherwig.wordpress.com&blog=6718341&post=360&subd=malteherwig&ref=&feed=1" /></div>]]></content:encoded>
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		<title>Als wir jung waren: Dieter Wellershoff und die NSDAP</title>
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		<pubDate>Mon, 22 Jun 2009 15:07:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>malteherwig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Nach Recherchen von Malte Herwig wurde der Schriftsteller Dieter Wellershoff von der NSDAP als Mitglied geführt. Danach gefragt, lud er unseren Autor zu sich nach Hause ein und begab sich auf Erinnerungssuche
Vor Kurzem bekam der Schriftsteller Dieter Wellershoff, 83, einen Brief des Bundesarchivs in Berlin: Man habe, ausgelöst durch eine Recherche des ZEITmagazins, eine auf seinen Namen [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=malteherwig.wordpress.com&blog=6718341&post=355&subd=malteherwig&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><p><strong>Nach Recherchen von Malte Herwig wurde der Schriftsteller Dieter Wellershoff von der NSDAP als Mitglied geführt. Danach gefragt, lud er unseren Autor zu sich nach Hause ein und begab sich auf Erinnerungssuche</strong></p>
<p>Vor Kurzem bekam der Schriftsteller Dieter Wellershoff, 83, einen Brief des Bundesarchivs in Berlin: Man habe, ausgelöst durch eine Recherche des <em>ZEITmagazins,</em> eine auf seinen Namen ausgestellte Karte in der Mitgliederkartei der NSDAP entdeckt – Dieter Wellershoff, Mitglied Nr. 10.172.531 der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Eine hohe, also späte Nummer, eine vom letzten Aufgebot.</p>
<p>Wer durfte in die Partei? Nur wer für würdig befunden wurde und unterschrieb. Sagen die Historiker. Dieter Wellershoff, das einstige Mitglied der Schriftstellervereinigung Gruppe 47, ein Mann, der sich in Büchern und Essays oft mit der deutschen Katastrophe beschäftigte, sagt am Telefon: &#8222;Ich war total vor den Kopf geschlagen, als ich von der Karte erfuhr.&#8220;</p>
<p>Er ist bereit zum Gespräch. Es findet Tage später in seiner Kölner Altbauwohnung statt. Wellershoff breitet Dokumente und Fotos auf dem Glastisch aus. Die Entlassungsurkunde aus britischer Gefangenschaft liegt da, ein Fotoalbum aus den dreißiger und vierziger Jahren. Und die Kopie der NSDAP-Karteikarte.<span id="more-355"></span></p>
<p>&#8222;Ich kann mich überhaupt nicht erinnern, dass ich irgendwas unterschrieben hätte&#8220;, sagt Wellershoff. Und in der Tat, eine Unterschrift von ihm wurde im Bundesarchiv nicht gefunden. Könnte er verdrängt haben, dass er als 17-Jähriger einen Zettel mit seinem Namen versah, als man ihn aufforderte, in die Partei einzutreten? Wellershoff, der den Krieg erlebte und eindringlich beschrieb, ist Erinnerungsspezialist. &#8222;Mit Verdrängungen kenne ich mich aus, Verdrängung gibt es.&#8220;</p>
<p>Vier Stunden dauert das Gespräch. Ein Wühlen im Gedächtnis, in Dokumenten, und doch bleibt am Ende ein leeres Bild. Mittendrin springt Wellershoff auf, geht zum Bücherregal, sucht etwas. &#8222;Wir waren im Krieg und auf das nackte Existieren zurückgeworfen&#8220;, sagt er. &#8222;Man muss erlebt haben, wie Stalinorgeln mit ihren Salven fast eine ganze Kompanie niedermähten. Wie Luftminen links und rechts einschlugen, das habe ich in Berlin erlebt, in der Kaserne.&#8220; Sein Blick gleitet an den Buchreihen entlang. &#8222;Wir mussten raus und Sachen aus brennenden Häusern tragen. Da hat mir jemand ein Büchlein geschenkt, in das ich guckte: &#8216;Nimm es mit, Junge!&#8217;&#8220; Er zieht es aus dem Regal und reicht es herüber: das Buch aus einer Bombennacht, Grillparzers<em>König Ottokars Glück und Ende</em> .</p>
<p>Lesen, das war etwas Individuelles, ja Intimes, ein innerer Urlaub vom Kriegskollektiv. Überhaupt, die &#8222;Gemeinschaft&#8220;. Wenn schon, dann habe er die Soldaten bewundert. &#8222;Aber vor diesen braunen Leuten habe ich nur Abscheu empfunden. Ich habe eine solche Abneigung gegen Parteien gehabt, dass ich als junger Mann noch nicht einmal in eine bundesdeutsche Partei eingetreten wäre.&#8220;</p>
<p>Woher dann die Karte? &#8222;Tja, die Karte steht da im Raum, und das ist ein erklärungsbedürftiges Phänomen. Aber es fehlt die Szene dazu&#8220;, sagt er und tippt mit den Fingern auf die Stuhllehne. Er gibt nicht den trotzigen Dementierer. Er bohrt sich in das Damals hinein, hellwach. Man ist geneigt, ihm zu glauben.</p>
<p>&#8222;Ich war nicht Mitglied der NSDAP! Ich hätte ja verrückt sein müssen, am Ende des Krieges einzutreten. Wem hätte ich damit gefallen wollen können? Wir Jungen wurden verheizt für die Fantasiepolitik der NSDAP. Damit diese Leute noch ein paar Monate länger an der Macht blieben.&#8220; Er erzählt von Scheinbataillonen, aufgestellt in den letzten Kriegsmonaten. &#8222;Ich habe ein ganzes Feld voll gefallener Kameraden vor Augen, wenn ich daran denke.&#8220; Und nach einer Pause: &#8222;Dass ich den Krieg überlebt habe, das habe ich versucht zurückzuzahlen, indem ich mich aufklärerisch verhalten habe.&#8220;</p>
<p>Auch gegen sich selbst? Laut Karteikarte wurde die Parteiaufnahme des Dieter Wellershoff, geboren am 3.November 1925 in Neuss, am 20. April 1944 beantragt und erfolgte rückwirkend zum 20. April 1943. Zudem liegt dem Bundesarchiv eine Liste von 368 Aufnahmescheinen vor, dort taucht auch der Name Wellershoff auf. Die Liste sandte die Gauleitung Düsseldorf am 28. Oktober 1944 an die Reichsleitung in München. Zu Beanstandungen, etwa wegen fehlender eigenhändiger Unterschriften, kam es nicht.</p>
<p>Wellershoff ist nicht der erste Fall, in dem neu entdeckte Dokumente Fragen zur Vergangenheit moralischer Instanzen der Bundesrepublik aufwerfen. 2003, 14 Jahre nach dem Tod des Historikers Martin Broszat, enthüllten Archivfunde, dass ausgerechnet der einflussreiche Holocaust-Forscher als 18-Jähriger in die NSDAP aufgenommen worden war. Auch die Germanisten Walter Jens, Walter Höllerer und Peter Wapnewski waren auf Karteikarten erfasst, außerdem weitere Intellektuelle, linke wie konservative, der Jahrgänge 1925 bis 1927, Wortführer der jungen Bundesrepublik. Martin Walser, Dieter Hildebrandt, Siegfried Lenz, Horst Ehmke, Erhard Eppler, Hermann Lübbe, Tankred Dorst, Peter Boenisch, Wolfgang Iser, Hans Werner Henze. Abgesehen von Eppler, wollte sich keiner erinnern können, je einen Aufnahmeantrag unterschrieben zu haben. Die NSDAP – ein Verein von Zufallsmitgliedern?</p>
<p>Projiziert eine so vergessliche Art, sich zu erinnern, nicht alle Schuld auf die angepassten anderen – aus Furcht, die eigenen Leistungen würden durch das &#8222;beschämende Odium des Mitläufertums&#8220;, wie Wellershoff es einmal nannte, entwertet? Das Parteiabzeichen als brauner Fleck auf dem Lebenslauf vorbildlicher Demokraten. Kompensierten die moralischen Überväter der Bundesrepublik ihr eigenes Dabei-gewesen-Sein, indem sie Deutschland und den Deutschen immer wieder die Leviten lasen?</p>
<p>Mit zehn ging Dieter Wellershoff, der Junge aus Grevenbroich, ins Jungvolk, die Jugendorganisation der Hitlerjugend, später wurde er Jungvolkführer: &#8222;In Grevenbroich war ich der Oberste, da konnte mich keiner kontrollieren.&#8220; Nach dem Reichsarbeitsdienst meldete er sich 1943 zur Panzerdivision Hermann Göring, &#8222;um so den Werbern der Waffen-SS zu entgehen&#8220;. Am 13. Oktober 1944 in Ostpreußen verwundet, verbrachte er Monate im Lazarett in Bad Reichenhall. Im Frühjahr 1945 wurde er auf eigenes Betreiben wieder an die Front geschickt, gelangte aber in amerikanische, dann in britische Kriegsgefangenschaft, aus der er im Sommer entlassen wurde.</p>
<p>Wurde der 18-Jährige tatsächlich ohne eigenes Wissen in Hitlers Partei aufgenommen? Hat ein eifriger Ortsgruppenführer aus Wellershoffs Heimatstadt Grevenbroich den Namen auf die Liste gesetzt und die Unterschrift gefälscht? Hatten nicht auch Walser, Hildebrandt und Henze beteuert, ihre Aufnahme sei schlicht ein &#8222;Geburtstagsgeschenk für den Führer&#8220; gewesen – zum 20. April, Hitlers Geburtstag? &#8222;Ich stelle mir vor&#8220;, versucht Wellershoff seine Mitgliedskarte zu erklären, &#8222;dass der Gau Düsseldorf durch Bombenschäden oder andere Dinge ein Jahr im Rückstand war. Da haben die einfach 368 Leute genannt, die erklärt hätten, in die Partei einzutreten. Das ist dann rückdatiert worden auf das Jahr 1943.&#8220;</p>
<p>Der Grund für die Rückdatierung der Aufnahme wird in einem Schreiben der Reichsleitung vom 6. Mai 1944 angedeutet, die sich wegen der &#8222;besonderen Verhältnisse im Gau Düsseldorf&#8220; bereit erklärt, ausnahmsweise Aufnahmeanträge, die bisher nicht eingereicht werden konnten, noch &#8222;nach Abschluß der diesjährigen HJ-Aufnahmeaktion&#8220; zu bearbeiten. Mit den &#8222;besonderen Verhältnissen&#8220; dürften die schwierigen Bedingungen für NSDAP-Werbung im katholischen Rheinland gemeint sein. Davon hob sich der Jungvolkführer Wellershoff schon insofern ab, als er aus protestantisch-bildungsbürgerlichem Hause kam.</p>
<p>Bei der &#8222;Aufnahmeaktion&#8220; handelte es sich jedoch keinesfalls um eine automatische Parteiaufnahme ganzer Jahrgänge. Der Parteienforscher Michael Buddrus stellte 2003 in einem Gutachten fest, dass es keine automatischen korporativen Parteiaufnahmen von Angehörigen einzelner Geburtsjahrgänge oder NS-Verbände gab. Alles andere seien &#8222;Legenden, die ihren Ausgangspunkt in Entlastungsbemühungen der unmittelbaren Nachkriegszeit hatten&#8220;.</p>
<p>Auch der Historiker Armin Nolzen hält das Argument von Kollektivaufnahmen für eine Schutzbehauptung der Nachkriegszeit. Zwischen 1937 und 1944 habe es für keinen einzigen HJ-Jahrgang automatische Parteiaufnahmeverfahren gegeben. Für eigenmächtige Anmeldungen durch HJ-Führer, resümiert Nolzen im aktuellen Sammelband <em>Wie wurde man Parteigenosse? Die NSDAP und ihre Mitglieder</em> den Forschungsstand, gebe es &#8222;bislang keinen einzigen empirischen Beweis&#8220;. Auch sei aus keiner Quelle eine gefälschte Unterschrift eines HJ-Führers bekannt. Zwar waren sie es, die letztlich entschieden, wer in die Partei durfte. Voraussetzung gewesen seien aber &#8222;die eigenhändig unterschriebenen Aufnahmeanträge derjenigen Jugendlichen, die sie für den Parteieintritt als &#8216;würdig&#8217; erachteten&#8220; – das waren 1944 im Durchschnitt weniger als 20 Prozent aller Hitlerjungen eines Jahrgangs.</p>
<p>Aussage steht gegen Aussage. Karteikarte gegen Erinnerung. Und wenn die Karteikarte die Wahrheit sagt – was sagt sie über Dieter Wellershoff? Warum sollte einer dieses Detail verheimlichen, der ansonsten schonungslos mit dem &#8222;Dritten Reich&#8220; abrechnete?</p>
<p>&#8222;Ob ich in der Partei war oder nicht&#8220;, sagt er, &#8222;hat keinen Einfluss darauf, dass ich mich grundsätzlich betroffen fühle, dass so etwas passiert ist und dass ich dabei gewesen bin. Das ist etwas, das man in seiner Dimension gar nicht wegschieben und verkleinern kann – der Krieg und die Vernichtungslager, das Zerbomben der Städte.&#8220;</p>
<p>Ist es möglich, dass ein junger Mann, der jeden überlebten Tag als existenziell empfinden musste, die Aufnahme in die Partei der Nazis als so nebensächlich empfand, dass er sie vergaß? Oder war, andersherum, die Scham so groß, dass sie die Erinnerung tilgte?</p>
<p>Verdrängung, glaubt Wellershoff, habe mit der Erfahrungsentfremdung zwischen den Generationen zu tun. In einem wirklichen Generationengespräch, findet er, hätte die junge Generation darüber nachzudenken, wie es möglich sei, dass Menschen in so etwas hineingerieten. &#8222;Dieses gute Gefühl &#8216;Nein, wir sind ganz andere Menschen&#8217;, das ist doch auch ein Verdrängungsmechanismus.&#8220;</p>
<p>Er erzählt sehr offen von seiner Jugend in Grevenbroich, dem Elternhaus mit der Fahnenstange vor der Tür, das der als Kreisbaumeister arbeitende Vater selbst geplant hatte. Wellershoff beschreibt ihn als Menschen mit einem Faible für Uniformen. Im Familienalbum lächelt ein hagerer, hochgewachsener Mann. Walter Wellershoff war in der NSDAP, &#8222;aber er war ein völlig unpolitischer Mensch&#8220;, sagt sein Sohn heute. &#8222;Wie andere, die so dachten, ging er 1938 als Luftwaffenoffizier in die Wehrmacht, ganz explizit, um sich der Partei zu entziehen.&#8220;</p>
<p>Und doch war das Engagement des Vaters im NS-Staat nicht ganz beiläufig. Wie er selbst im Februar 1949 im Entnazifizierungs-Fragebogen angab, der dem <em>ZEITmagazin</em> vorliegt, war er auch Mitglied der SA und weiterer NS-Organisationen: Reichsluftschutzbund, NS-Volkswohlfahrt, NS-Reichskriegerbund, NS-Bund Deutscher Technik, Reichskolonialbund. &#8222;Dass dein Vater in so vielen Vereinen war, wundert mich nicht&#8220;, ruft Wellershoffs Frau Maria von nebenan. &#8222;Der war kein Held, der war ein Anpasser.&#8220; Dieter Wellershoff erinnert sich, einmal gehört zu haben, wie seine Mutter den Vater anstachelte, er könnte in diesem Staat doch schon viel weiter sein. Ehrgeiz, Opportunismus, Anpassung – diese Haltung war typisch für viele Erwachsene im &#8222;Dritten Reich&#8220;. Und die Jugend damals?</p>
<p>Hört man Dieter Wellershoff zu, war der Generationenkonflikt keine Erfindung von 1968: &#8222;Hitlerjunge und Jungvolk, das konnte man akzeptieren, das waren wir Jungen selbst. Aber die Partei, das waren die Erwachsenen, die dieses System zu verantworten hatten, oft Spießer und Opportunisten. Uns Jungen muss man glauben, dass wir nicht aus Opportunismus gehandelt haben.&#8220;</p>
<p>Ein Schock sei es gewesen, als er von den KZs erfuhr. &#8222;Da war ich völlig fassungslos, dass man in diesen Zusammenhängen sein Leben zur Verfügung gestellt hatte. Ein ungeheurer Betrug an der eigenen Generation. Wir fühlten uns missbraucht.&#8220;</p>
<p>Aber wer hatte sie missbraucht?<br />
&#8222;Na, die Nazis! Die Partei. Und natürlich viele Helfershelfer, auch in anderen Ländern.&#8220;<br />
Was unterschied Nazis von Nichtnazis?<br />
&#8222;Die Nazis hatten die Ideologie, wir müssen eine bestimmte Menschensorte ausrotten.&#8220;<br />
Waren alle, die in der NSDAP waren, Nazis?<br />
&#8222;Nein. Viele haben sich einfach angepasst. Mein Vater sagte, er müsse dafür sorgen, dass die Häuser anständig gemacht werden.&#8220;</p>
<p>Häuser, Autobahnen, Vollbeschäftigung. Und dahinter Lager, Einsatzgruppen, SS. Wem kann man noch trauen, wenn so ein Weltbild kollabiert und man mit dem Mitschuldvorwurf konfrontiert wird? Wellershoff schüttelt den Kopf. &#8222;Ohne mich, hat unsere Generation gesagt. Wir konnten nur noch uns selbst vertrauen.&#8220; Er habe nach dem Krieg ein Motto gehabt, er wisse nicht, wo der Spruch herkomme: &#8222;Wenn ich das Wort Gemeinschaft höre, entsichere ich meine Pistole.&#8220;</p>
<p>Der Satz stammt von Goebbels: &#8222;Wenn ich das Wort Kultur höre, entsichere ich meinen Revolver.&#8220; Das Motto der existenzialistischen Nachkriegsjugend als Echo eines Spruchs des NS-Propagandaministers. Noch in ihrer Skepsis war die verratene Generation von der Vergangenheit geprägt, die sie dann ein aufrechtes Demokratenleben lang scharf bekämpfte.</p>
<p>Wellershoffs Generation stand auf Trümmern, wohin das Auge sah. Sieben Jahre war der totale Krieg her, doch seine Spuren waren noch da, als der 26-Jährige 1952 den Kölner Dom bestieg. Zu seinen Füßen sah er eine Ruinenlandschaft mit notdürftig geräumten Straßen. Es war ein zwiespältiges Bild, das sich ihm bot. Im Untergang steckte die Hoffnung auf einen Neuanfang, doch im Boden schlummerten Bomben, &#8222;die aus irgendeinem Grund nicht explodiert waren und die man erst entdecken würde, wenn der weitere Aufbau der Stadt tiefere Fundamente brauchte&#8220;. So beschreibt es Wellershoff in seinem Erinnerungsessay <em>Die Nachkriegszeit – Anpassung oder Lernprozess.</em> Und im Geistigen sei es nicht anders gewesen. &#8222;Auch da war noch mancherlei verborgen und sollte erst viel später zum Vorschein kommen.&#8220;</p>
<p>Als die NSDAP-Karteikarten bundesrepublikanischer Idole auftauchten, haben einige Publizisten versucht, deren demokratisches Lebenswerk gegen die vermaledeiten Karten in Schutz zu nehmen – aus einem simplen Grund: Eine jüngere Generation möchte selbst leise Zweifel an der biografischen Geradlinigkeit ihrer Helden tilgen. Eine Schwarz-Weiß-Welt, in der es die bösen Nazis gab und die guten Bundesrepublikaner, die mit ihnen aufräumten. Dass auch gebrochene Biografien lehrreich, ja vorbildlich sein können, passt nicht ins Dogma nachgeborener Hohepriester deutscher Vergangenheitsbewältigung.</p>
<p>Auch Wellershoff hat, nach den Enthüllungen über Walser, Grass und andere, die Aufregung um die NSDAP-Mitgliedschaften in einem <em>Spiegel-</em> Essay als &#8222;journalistisches Sommertheater&#8220; bagatellisiert. Die SS-Mitgliedschaft des jungen Grass allein sei &#8222;kein kritikwürdiger Tatbestand&#8220;. Er nannte es aber einen Skandal, dass Grass &#8222;es 60 Jahre lang nicht gewagt hat, darüber zu sprechen, und stattdessen harmlose Geschichten über seine Existenz als Flakhelfer in Umlauf gebracht hat&#8220;.</p>
<p>Und nun er selbst. Als Erzähler wie als Essayist sind Dieter Wellershoff Erkenntnis und Wahrheit stets Anliegen gewesen. Er hat über seine jugendliche Begeisterung für Hitlers Wehrmacht geschrieben und über seinen Wunsch, an der Front zu kämpfen. Als er in den neunziger Jahren zur Kur nach Bad Reichenhall ging, wo er ein halbes Jahrhundert zuvor verwundet gelegen hatte, schrieb er über die Begegnung mit der eigenen Vergangenheit das Buch <em>Der Ernstfall.</em> Darin berichtet er von einem Missgeschick.</p>
<p>Im Sommer 1945, aus der Kriegsgefangenschaft zurück, grüßt er gedankenlos einen alten Lehrer auf der Straße mit dem Hitlergruß: &#8222;Es war mir herausgerutscht, ein blöder Versprecher, kompromittierend wie bekleckerte Kleidung. Der Makel klebte an mir und ließ mich lächerlich aussehen. Ich konnte ihn nicht abwischen, nicht durch irgendeine rasche beflissene Korrektur.&#8220;</p>
<p>&#8222;Vielleicht darf man hoffen&#8220;, schrieb Dieter Wellershoff über die Vergangenheitsbewältigung des Schriftstellerkollegen Grass, &#8222;dass mit dieser exemplarischen Geschichte die Nachkriegszeit zu Ende geht.&#8220; Doch es ist noch nichts zu Ende, auch nicht für Wellershoff. In den Trümmern der deutschen Geschichte schlummern immer noch Bomben.</p>
<p>MALTE HERWIG</p>
<p><strong>erschienen im <a href="http://www.zeit.de/2009/25/Schriftsteller-25" target="_blank">ZEITmagazin Nr. 25 vom 10.06.2009</a></strong><a href="http://www.zeit.de/2009/25/Schriftsteller-25" target="_blank">  </a></p>
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		<title>Holidaying in North Korea</title>
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		<pubDate>Thu, 11 Jun 2009 07:02:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>malteherwig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[With all the news about nuclear tests and missile launch preparations, you&#8217;ve probably figured this wasn&#8217;t a good time to take a holiday in Kim&#8217;s kingdom. But you haven&#8217;t reckoned with Nick Bonner, whose company Koryo Tours has been organising  trips to the secluded communist state for years.
I met Nick in North Korea last year, [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=malteherwig.wordpress.com&blog=6718341&post=319&subd=malteherwig&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><p>With all the news about nuclear tests and missile launch preparations, you&#8217;ve probably figured this wasn&#8217;t a good time to take a holiday in Kim&#8217;s kingdom. But you haven&#8217;t reckoned with Nick Bonner, whose company <a href="http://www.koryogroup.com/" target="_blank">Koryo Tours</a> has been organising  trips to the secluded communist state for years.</p>
<p>I met Nick in North Korea last year, when I reported on the <a href="http://malteherwig.wordpress.com/2009/04/05/the-cannes-of-communism-north-korea-hosts-the-strangest-film-festival-of-the-world/" target="_self">Pyongyang International Film Festival</a>, and can safely say he&#8217;s a jolly nice chap. And he&#8217;s also an example of the indefatigable spirit of the British. Today, In a newsletter sent out by Koryo Tours today, Nick writes:</p>
<p><em>Despite the recent nuclear test and missile launches it is still business as usual and this is for us as well as for the various European Embassies in Pyongyang. We have tourists going in almost every week and fully expect the Arirang Mass Games to be going ahead from 10th August to the end of September and maybe into October, as previously confirmed. American tourists are welcomed during this time and tours are showing a high level of interest. This is one of the most interesting times to visit North Korea in recent memory, book now for a genuine once-in-a-lifetime trip!</em></p>
<p>Well, you have to give it to the Brits. They won&#8217;t take no for an answer.</p>
<p><em><strong>UPDATE, 11 June 2009: </strong><strong>Kim closes shop. </strong>The official (North) Korean International Travel Company have sent round an email saying that UK citizens will not be allowed in by the North Korean authorities any more: &#8220;<span style="font-style:italic;">In connection with the recent measures taken by UK government not to allow DPRK citizens to enter the UK we also will not receive any <span style="font-weight:bold;">UK citizens</span> as tourists to the DPRK for the time being.</span>&#8222; </em></p>
Posted in Kommentar Tagged: Arirang, Kim Jong Il, Korean International Travel Company, Koryo Tours, New York Times, Nordkorea, North Korea, Pjöngjang, Pyongyang <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/malteherwig.wordpress.com/319/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/malteherwig.wordpress.com/319/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/malteherwig.wordpress.com/319/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/malteherwig.wordpress.com/319/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/malteherwig.wordpress.com/319/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/malteherwig.wordpress.com/319/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/malteherwig.wordpress.com/319/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/malteherwig.wordpress.com/319/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/malteherwig.wordpress.com/319/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/malteherwig.wordpress.com/319/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=malteherwig.wordpress.com&blog=6718341&post=319&subd=malteherwig&ref=&feed=1" /></div>]]></content:encoded>
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		<title>Dieter Wellershoff und die NSDAP</title>
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		<pubDate>Tue, 09 Jun 2009 08:03:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>malteherwig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[VORABMELDUNG (den kompletten Artikel finden Sie im aktuellen ZEITmagazin)
Der bekannte deutsche Schriftsteller und Essayist Dieter Wellershoff, 83, wurde von der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) als Mitglied geführt. Wie Recherchen von ZEITmagazin-Autor Malte Herwig ergaben, existiert in der NSDAP-Mitgliederkartei im Bundesarchiv eine Karteikarteunter unter der Nummer 10.172.531 auf Wellershoffs Namen.
Der Mitgliedskarte zufolge wurde die Aufnahme des damals 18-jährigen [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=malteherwig.wordpress.com&blog=6718341&post=335&subd=malteherwig&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><p><strong>VORABMELDUNG (den kompletten Artikel finden Sie im aktuellen ZEITmagazin)</strong></p>
<p>Der bekannte deutsche Schriftsteller und Essayist Dieter Wellershoff, 83, wurde von der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) als Mitglied geführt. Wie Recherchen von ZEIT<em>magazin</em>-Autor Malte Herwig ergaben, existiert in der NSDAP-Mitgliederkartei im Bundesarchiv eine Karteikarteunter unter der Nummer 10.172.531 auf Wellershoffs Namen.</p>
<p>Der Mitgliedskarte zufolge wurde die Aufnahme des damals 18-jährigen Wellershoff in die NSDAP am 20.04.1944 beantragt und erfolgte rückwirkend zum 20.04.1943. Ein unterschriebener Aufnahmeantrag liegt nicht vor. Allerdings findet sich Wellershoff auf einer namentlichen Liste von 368 NSDAP-Aufnahmeanträgen, die am 28. Oktober 1944 von der Gauleitung Düsseldorf bei der Reichsleitung in München eingereicht wurden.</p>
<p>Mit dem Fund konfrontiert, erklärte sich Dieter Wellershoff zum Gespräch bereit. Es wurde ein langer Nachmittag, vier Stunden lang sprach er mit dem Autor des <em>ZEITmagazins</em>, Malte Herwig, über sein Leben in den Monaten vor Kriegsende.</p>
<p>Wellershoff, der am 3.11.1925 in Neuß geboren wurde, erlebte das Ende des Kriegs als Wehrmachtssoldat in der Division Hermann Göring. Nach 1945 arbeitete er für den Rundfunk sowie als Lektor und Herausgeber der Werke Gottfried Benns. Der profilierte Schriftsteller (<em><a href="http://www.amazon.de/Liebeswunsch-Dieter-Wellershoff/dp/3442728266/ref=sr_1_1?ie=UTF8&amp;s=books&amp;qid=1244534901&amp;sr=8-1" target="_blank">Der Liebeswunsch</a></em>) und Essayist ist Mitglied des P.E.N.-Clubs und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.</p>
<p>Seine Bereitschaft, über die eigene Rolle in der damaligen Zeit zu sprechen, unterscheidet ihn von den meisten anderen Leitfiguren der Bundesrepublik, deren Verstrickung in die NS-Zeit später herauskam. Zu den Betroffenen gehören Martin Walser, Dieter Hildebrandt, Siegfried Lenz, Horst Ehmke, Hans Werner Henze und andere führende Intellektuelle und Künstler der Bundesrepublik. Das Auftauchen von immer mehr NS-Mitgliedskarteikarten prominenter Deutscher hat schon häufig für Diskussionen darüber gesorgt, ob die Angehörigen der Jahrgänge 1925-1927 vielleicht ohne eigenes Wissen in die NSDAP aufgenommen wurden.</p>
<p>Wellershoff selbst hatte vor zwei Jahren in einem <em><a href="https://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,495788,00.html" target="_blank">SPIEGEL</a></em><a href="https://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,495788,00.html" target="_blank">-Essay</a> die Diskussion um die NS-Karteikarten als &#8222;<a href="https://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,495788,00.html" target="_blank">journalistisches Sommertheater</a>&#8220; bezeichnet und seine Generationsgenossen in Schutz genommen. Ein Jahr zuvor kritisierte er in einem <a href="http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,432298,00.html" target="_blank">Artikel auf SPIEGEL Online</a> den Schriftstellerkollegen Günter Grass dafür, dass der seine SS-Mitgliedschaft jahrzehntelang verschwiegen hatte. </p>
<p>Nun äußert er sich im Interview mit dem <em>ZEITmagazin</em> zu seinem Verhältnis als Jugendlicher zur NSDAP: &#8222;Vor diesen braunen Leuten habe ich nur Abscheu empfunden. Ich kann mich überhaupt nicht erinnern, dass ich irgendetwas unterschrieben hätte. Ich war nicht Mitglied der NSDAP. Ich hätte ja verrückt sein müssen, am Ende des Krieges einzutreten. Wem hätte ich damit gefallen wollen können? Wir Jungen wurden verheizt für die Fantasiepolitik der NSDAP. Damit diese Leute noch ein paar Monate länger an der Macht blieben.&#8220;</p>
<p>Wellershoff berichtet von Scheinbataillonen, aufgestellt in den letzten Kriegsmonaten. &#8222;Ich habe ein ganzes Feld voll gefallener Kameraden vor Augen, wenn ich daran denke.&#8220; Und er sagt: &#8222;Dass ich den Krieg überlebt habe, habe ich versucht zurückzuzahlen, indem ich mich aufklärerisch verhalten habe.&#8220;</p>
<p>In der Tat hat Wellershoff in seinem literarischen und essayistischen Werk die eigene Zeit als Soldat, auch die eigene jugendliche Begeisterung dafür, mehrfach thematisiert.</p>
<p>Unter zeitgeschichtlichen Experten besteht indessen weitgehend Einigkeit, dass ohne eigenhändige Unterschrift der Betroffenen keine Aufnahme in die NSDAP möglich war. Der Historiker Armin Nolzen sagte dem <em>ZEITmagazin</em>: &#8222;Für eigenmächtige Anmeldungen durch HJ-Führer gibt es bis heute keinen einzigen empirischen Beweis&#8220;.</p>
Posted in Kommentar Tagged: Armin Nolzen, Bücher, Biografie, Düsseldorf, Dieter Hildebrandt, Dieter Wellershoff, Geschichte, Gottfried Benn, Gruppe 47, Hans Werner Henze, Hitlerjugend, HJ, Horst Ehmke, Intellektuelle, Literatur, Martin Walser, Michael Buddrus, Nationalsozialismus, Neuß, NSDAP, Politik, Siegfried Lenz, Spiegel, Vergangenheitsbewältigung, ZEIT-Magazin <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/malteherwig.wordpress.com/335/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/malteherwig.wordpress.com/335/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/malteherwig.wordpress.com/335/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/malteherwig.wordpress.com/335/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/malteherwig.wordpress.com/335/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/malteherwig.wordpress.com/335/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/malteherwig.wordpress.com/335/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/malteherwig.wordpress.com/335/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/malteherwig.wordpress.com/335/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/malteherwig.wordpress.com/335/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=malteherwig.wordpress.com&blog=6718341&post=335&subd=malteherwig&ref=&feed=1" /></div>]]></content:encoded>
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		<title>Was bekommt Kim Jong Il geschenkt?</title>
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		<pubDate>Thu, 04 Jun 2009 12:26:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>malteherwig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Was schenkt man jemandem, der schon alles hat? Letzten Herbst hatte ich die Gelegenheit, den größten Gabentisch der Welt zu besichtigen: Eine in den Berg gehauene Schatzkammer mit über 180 Räumen voller Geschenke, der Eingang streng von Soldaten bewacht. Es sind Präsente, die Besucher aus aller Welt dem nordkoreanischen Diktator und &#8222;ewigen Präsidenten&#8220; Kim Il [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=malteherwig.wordpress.com&blog=6718341&post=321&subd=malteherwig&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><p>Was schenkt man jemandem, der schon alles hat? Letzten Herbst hatte ich die Gelegenheit, den größten Gabentisch der Welt zu besichtigen: Eine in den Berg gehauene Schatzkammer mit über 180 Räumen voller Geschenke, der Eingang streng von Soldaten bewacht. Es sind Präsente, die Besucher aus aller Welt dem nordkoreanischen Diktator und &#8222;ewigen Präsidenten&#8220; Kim Il Sung mitbrachten, der eigens zur Aufbewahrung eine &#8222;Freundschaftsausstellung&#8220; in den Myohyang-Bergen vor Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang bauen ließ.  </p>

<a href='http://malteherwig.wordpress.com/2009/06/04/was-bekommt-kim-jong-il-geschenkt/dsc_2898-2/' title='DSC_2898'><img width="150" height="99" src="http://malteherwig.files.wordpress.com/2009/06/dsc_28981.jpg?w=150&#038;h=99" class="attachment-thumbnail" alt="Kims Schatzhöhle" title="DSC_2898" /></a>
<a href='http://malteherwig.wordpress.com/2009/06/04/was-bekommt-kim-jong-il-geschenkt/dsc_2906/' title='DSC_2906'><img width="150" height="99" src="http://malteherwig.files.wordpress.com/2009/06/dsc_2906.jpg?w=150&#038;h=99" class="attachment-thumbnail" alt="Türknauf zu Kims Schatzhöhle" title="DSC_2906" /></a>

<p>In einem halben Jahrhundert hatte sich bei Kim Il Sung allerlei angesammelt: 222.522 Geschenke &#8211; man hatte genau zählen lassen. Nordkorea ist ein kommunistisches Land, aber der Personenkult um Vater und Sohn Kim trägt quasi-religiöse Züge. Nur hießen die heiligen drei Könige des Kommunismus Mao, Stalin und Ceausescu, und sie brachten nicht Weihrauch, Myrrhe und Gold, sondern gepanzerte Limousinen, Eisenbahnwaggons und Gewehre. </p>
<p>Von den Sandinisten aus Nicaragua ein ausgestopftes Krokodil mit Tablett und Whiskygläsern, ein Lehnsessel von Tito, eine kuriose Kuckucksuhr &#8222;von Drillingen aus der DDR&#8220; &#8211; wie auf jedem Gabentisch gesellt sich hier Nützliches zu Nutzlosem. Umtauschen kommt ja nicht in Frage, das versteht sich bei Gastgeschenken von selbst. Es ist ein Schatz von orientalischen Ausmaßen. Nun ja, vielleicht nur ein Verschnitt aus 1001 Nacht und Quelle-Katalog, oder woher hatte Chinas Präsident Li Peng 1991 die billige Stereoanlage? </p>
<p>Was schenkt man jemandem, der schon alles hat? Für viele Deutsche ist das in der Vorweihnachtszeit trotz Krisenstimmung eine typische Luxusfrage. Für die Staatsgäste, die das bitterarme Nordkorea besuchen, ist es ein Problem. Denn die Menschen im Norden des geteilten Landes leiden unter Hungersnöten und Armut, während die Regierung Geld in die Produktion von Nuklearwaffen steckt. Aber Kim Il Sungs Sohn und Nachfolger Kim Jong Il hat gleich neben dem Vater seine eigene Schatzhöhle, in deren Zentrum eine Digitalanzeige den aktuellen Besitzstand angibt: Bis dato 56.474 Geschenke. </p>
<p>Wie so häufig sagen auch hier die Geschenke mehr über den Spender als über den Empfänger. Das billige Wodka-Set von Putin? Eigentlich eine Frechheit. Der von Michael Jordan signierte Basketball, den die ehemalige Außenministerin Madeleine Albright Kim Jong Il mitbrachte? Nicht ohne Hintersinn, wenn man bedenkt, dass der etwas kurz geratene Diktator Plateausohlen trägt. Der Computer eines südkoreanischen Unternehmens? Wohl ein Wink mit dem Zaunpfahl angesichts der Tatsache, dass das Internet in Nordkorea verboten ist. </p>
<p>Ein Geschenk aber war etwas Besonderes: In einer Vitrine lag ein Stück der Berliner Mauer, gewidmet 1990 von einer anonymen Spenderin aus Deutschland. Es war berührend, dieses Symbol friedlich überwundener Teilung zu sehen. Denn Nord- wie Südkoreaner wollen nichts lieber, als wieder vereinigt zu werden. </p>
<p>Im unterdrückten Nordkorea könnte das symbolträchtige Mauerstück aus dem fernen Deutschland die Hoffnung stiften, für die das Weihnachtsfest steht, dachte ich mir. Seit Jahrzehnten isoliert die kommunistische Diktatur das Land völlig von der Außenwelt. Die meisten Nordkoreaner, die durch Kims Schatzhöhle geführt werden, wissen wahrscheinlich nicht einmal, wo die deutsche Mauer stand und wer sie eingerissen hat. Und wenn sie es wüssten, dann käme ihnen das vielleicht wie ein Weihnachtsmärchen vor: Es war das Volk, das da laut protestierend durch die Straßen zog und sich selbst von Diktatur und Teilung befreite. </p>
<p>Für uns Deutsche aber ist es kein Weihnachtsmärchen, wir müssten es besser wissen. Dieses Mauerstück in Nordkorea sollte uns daran erinnern, was wir angesichts unserer Alltagssorgen und &#8211; klagen gerne vergessen: Dass wir die Wiedervereinigung unseres nicht ganz armen Landes einer friedlichen Revolution verdanken</p>
<p>(gesendet im <a href="http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/895719/" target="_blank">Deutschlandradio Kultur</a> am Heiligabend 2008, <a href="http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2008/12/24/drk_20081224_0721_6ab5f2fa.mp3" target="_blank">Beitrag zum Nachhören</a>)</p>
Posted in Kommentar Tagged: Ceausescu, China, DDR, Deutsche Demokratische Republik, Deutschlandradio Kultur, Kim Il Sung, Kim Jong Il, Li Peng, Mao, Mass Games, Myohyang, Nordkorea, North Korea, Pjöngjang, Pyongyang, Stalin <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/malteherwig.wordpress.com/321/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/malteherwig.wordpress.com/321/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/malteherwig.wordpress.com/321/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/malteherwig.wordpress.com/321/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/malteherwig.wordpress.com/321/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/malteherwig.wordpress.com/321/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/malteherwig.wordpress.com/321/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/malteherwig.wordpress.com/321/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/malteherwig.wordpress.com/321/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/malteherwig.wordpress.com/321/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=malteherwig.wordpress.com&blog=6718341&post=321&subd=malteherwig&ref=&feed=1" /></div>]]></content:encoded>
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		<title>See you in Pyongyang: Wie Britney Spears und die Guns N’ Roses nach Nordkorea kamen</title>
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		<pubDate>Sun, 05 Apr 2009 08:33:03 +0000</pubDate>
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Pjöngjang leuchtet. Jedenfalls die Skyline am Ufer des Taedong-Flusses, die wir nachts von unserem Hotel aus sehen können. Die Russen haben Öl geliefert, heißt es. Von Ferne dringt Baulärm über den Fluss, und Schweißbrenner blitzen aus nachtgrauen Gebäude-Gerippen.
Dahinter ragt das Ryugyong-Hotel, eine pyramidenförmige Bauruine, die einmal 3000 Zimmer und sieben Drehrestaurants beherbergen sollte, wie ein [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=malteherwig.wordpress.com&blog=6718341&post=253&subd=malteherwig&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><p><!--StartFragment--></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Pjöngjang leuchtet. Jedenfalls die Skyline am Ufer des Taedong-Flusses, die wir nachts von unserem Hotel aus sehen können. Die Russen haben Öl geliefert, heißt es. Von Ferne dringt Baulärm über den Fluss, und Schweißbrenner blitzen aus nachtgrauen Gebäude-Gerippen.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Dahinter ragt das Ryugyong-Hotel, eine pyramidenförmige Bauruine, die einmal 3000 Zimmer und sieben Drehrestaurants beherbergen sollte, wie ein ausgeraubtes Pharaonengrab in den Himmel über Pjöngjang. Selbst diese brachliegende Betonmonstrosität soll zu neuem Leben erweckt werden. Ein ägyptisches Unternehmen – wie passend – will den Bau vollenden. </span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Kein Zweifel, es tut sich was im Herzen der Finsternis, in dieser Hauptstadt auf der „Achse des Bösen“, zu der die Bush-Regierung das kommunistische Nordkorea zählt. Nordkorea ist ein vom Rest der Welt hermetisch abgeriegeltes Niemandsland. Wer in Hamburger Buchhandlungen nach Reiseführern fragt, erntet Schulterzucken, auch das Reisebüro muss Sonderschichten schieben, um ein Flugticket zu organisieren.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">
<a href='http://malteherwig.wordpress.com/2009/04/05/wie-britney-spears-und-die-guns-n%e2%80%99-roses-nach-nordkorea-kamen/dsc_2713/' title='Ryugyong Hotel'><img width="150" height="99" src="http://malteherwig.files.wordpress.com/2009/04/dsc_2713.jpg?w=150&#038;h=99" class="attachment-thumbnail" alt="Ryugyong Hotel" title="Ryugyong Hotel" /></a>
<a href='http://malteherwig.wordpress.com/2009/04/05/wie-britney-spears-und-die-guns-n%e2%80%99-roses-nach-nordkorea-kamen/dsc_1586/' title='Kim Il Sung-Platz'><img width="150" height="99" src="http://malteherwig.files.wordpress.com/2009/04/dsc_1586.jpg?w=150&#038;h=99" class="attachment-thumbnail" alt="Kim Il Sung-Platz 2008" title="Kim Il Sung-Platz" /></a>
<a href='http://malteherwig.wordpress.com/2009/04/05/wie-britney-spears-und-die-guns-n%e2%80%99-roses-nach-nordkorea-kamen/dsc_1227/' title='Kim Il Sung-Mausoleum'><img width="150" height="99" src="http://malteherwig.files.wordpress.com/2009/04/dsc_1227.jpg?w=150&#038;h=99" class="attachment-thumbnail" alt="Kim Il Sung-Mausoleum" title="Kim Il Sung-Mausoleum" /></a>
<a href='http://malteherwig.wordpress.com/2009/04/05/wie-britney-spears-und-die-guns-n%e2%80%99-roses-nach-nordkorea-kamen/dsc_0253/' title='Musikschülerin'><img width="150" height="99" src="http://malteherwig.files.wordpress.com/2009/04/dsc_0253.jpg?w=150&#038;h=99" class="attachment-thumbnail" alt="Musikschülerin" title="Musikschülerin" /></a>
<a href='http://malteherwig.wordpress.com/2009/04/05/wie-britney-spears-und-die-guns-n%e2%80%99-roses-nach-nordkorea-kamen/dsc_0421/' title='Junge Tänzerinnen'><img width="150" height="99" src="http://malteherwig.files.wordpress.com/2009/04/dsc_0421.jpg?w=150&#038;h=99" class="attachment-thumbnail" alt="Junge Tänzerinnen" title="Junge Tänzerinnen" /></a>
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<a href='http://malteherwig.wordpress.com/2009/04/05/wie-britney-spears-und-die-guns-n%e2%80%99-roses-nach-nordkorea-kamen/dsc_2230/' title='Arirang-Massenspiele'><img width="150" height="99" src="http://malteherwig.files.wordpress.com/2009/04/dsc_2230.jpg?w=150&#038;h=99" class="attachment-thumbnail" alt="Arirang-Massenspiele" title="Arirang-Massenspiele" /></a>
<a href='http://malteherwig.wordpress.com/2009/04/05/wie-britney-spears-und-die-guns-n%e2%80%99-roses-nach-nordkorea-kamen/dsc_0591/' title='Kinosaal'><img width="150" height="99" src="http://malteherwig.files.wordpress.com/2009/04/dsc_0591.jpg?w=150&#038;h=99" class="attachment-thumbnail" alt="Kinosaal in Pjöngjang" title="Kinosaal" /></a>
<a href='http://malteherwig.wordpress.com/2009/04/05/wie-britney-spears-und-die-guns-n%e2%80%99-roses-nach-nordkorea-kamen/dsc_2782/' title='Buchladen'><img width="150" height="99" src="http://malteherwig.files.wordpress.com/2009/04/dsc_2782.jpg?w=150&#038;h=99" class="attachment-thumbnail" alt="Buchladen in Pjöngjang" title="Buchladen" /></a>
<a href='http://malteherwig.wordpress.com/2009/04/05/wie-britney-spears-und-die-guns-n%e2%80%99-roses-nach-nordkorea-kamen/dsc_1126/' title='Karaoke-Bar'><img width="99" height="150" src="http://malteherwig.files.wordpress.com/2009/04/dsc_1126.jpg?w=99&#038;h=150" class="attachment-thumbnail" alt="Karaoke-Bar" title="Karaoke-Bar" /></a>
<a href='http://malteherwig.wordpress.com/2009/04/05/wie-britney-spears-und-die-guns-n%e2%80%99-roses-nach-nordkorea-kamen/dsc_3185/' title='SEK-Filmstudios'><img width="99" height="150" src="http://malteherwig.files.wordpress.com/2009/04/dsc_3185.jpg?w=99&#038;h=150" class="attachment-thumbnail" alt="Die SEK-Trickfilmstudios" title="SEK-Filmstudios" /></a>
<a href='http://malteherwig.wordpress.com/2009/04/05/wie-britney-spears-und-die-guns-n%e2%80%99-roses-nach-nordkorea-kamen/dsc_2989/' title='Badminton-Spielerin'><img width="99" height="150" src="http://malteherwig.files.wordpress.com/2009/04/dsc_2989.jpg?w=99&#038;h=150" class="attachment-thumbnail" alt="Badminton-Spielerin" title="Badminton-Spielerin" /></a>
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<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Pjöngjang wirkt auf den ersten Blick wie ein Eisschrank, in dem der Kalte Krieg konserviert wurde. An jeder Straßenecke, jeder Fassade riesige Propagandaslogans, die zur Vernichtung des imperialistischen Klassenfeinds auffordern oder die Vorzüge des koreanischen Kommunismus preisen.<span id="more-253"></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Aber die Stadt ist nie, was man erwartet. Auch dem westlichen Klischee widerspricht sie. Gerade findet hier ein internationales Filmfestival statt, und die feldgraue Stadt macht ein bisschen auf Cannes mit Blaskapellen, rotem Teppich und heimischen Filmstars.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Die Bevölkerung strömt in Scharen in die Kinos, um die ausländischen Filme zu sehen, die hier ausnahmsweise gezeigt werden. Im größten Kinosaal Pjöngjangs amüsieren sich zweitausend lachende Nordkoreaner über Marcus Rosenmüllers Bobfahrer-Komödie „Schwere Jungs“. Einen Haufen saufender bayerischer Bobfahrer, die sich ihr Kampfgewicht für die olympischen Winterspiele von 1952 anfressen – das bekommt man hier nicht alle Tage zu sehen. </span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">In einem Land, dessen Bewohner seit Jahrzehnten völlig von der Außenwelt abgeschlossen sind, sind die fremden Filme eine Sensation. Internet gibt es hier nicht, und Fernsehgeräte sind so eingestellt, dass man auf ihnen nur den staatlichen Kanal empfangen kann. </span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Das Fernsehen sendet rund um die Uhr farbstichige Kriegsdramen, kommunistische Komödien und lehrreiche Dokumentarfilme wie „Beifuß-Reiskuchen – nationale Speise“. Zwischendurch verkündet eine halssteife Moderatorin mit dröhnender Stimme, welche Hühnerfarm der liebe Führer gerade besichtigt und mit seinen berühmten Vor-Ort-Anleitungen beglückt hat. Im Vergleich dazu war die „Aktuelle Kamera“ Pop. </span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Wir Ausländer sind im Yanggakdo-Hotel auf einer Insel im Taedong-Fluss untergebracht. Wenn wir nicht im Kino sitzen, werden wir im Bus von einem Kim Il Sung-Monument zum nächsten gefahren. Ausflüge, die nicht auf dem Programm stehen, müssen mindestens einen Tag vorher angemeldet werden. Und selbst dann heißt es oft: „Maybe impossible“ – vielleicht unmöglich.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Gespräche mit Passanten sind tabu. Sie würden uns ohnehin nicht verstehen. Hey Song, meine ständige Begleiterin, spricht dafür umso besseres Englisch. Die 21jährige Studentin hat mich schon am Flughafen abgeholt und wird mich nach zwei Wochen dort wieder ins Flugzeug setzen.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Nie dürfen wir alleine das Hotel verlassen, vor der Einfahrt steht eine Wache. Spaziergänge sind verbotens. Ich versuche, Hey Song mit ihren eigenen Waffen zu schlagen und verweise auf die Maxime des „großen Führers“ Kim Il Sung, täglich zehntausend Schritte zu tun. Sie blickt mich ungerührt an: „Warum gehst Du dann nicht ums Hotel herum?“ </span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Abends ertränken die Ausländer ihren Hotelkoller in der Bar oder dem Drehrestaurant im 47. Stock. Die Kellnerinnen sind hübsch und das Bier ist gut. Der Schnaps mit der eingelegten Schlange weniger. Im Keller gibt es eine Bowling-Bahn, Billard und einarmige Banditen.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Wir sind nicht allein. Im Aufzug trifft man Japaner und Amerikaner, die angereist sind, um sich die Arirang-Massenspiele anzusehen. Der Klassenfeind bekommt im Reich des Bösen einiges geboten: Rund 100.000 Nordkoreaner wirken an den Massenspielen mit, die zur Zeit jeden Abend im „May Day Stadion“ stattfinden. Es ist das größte Stadion der Welt. </span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Wer Devisen bringt, ist willkommen. Sogar eine Delegation von 99 Missionaren aus Südkorea logiert im Hotel. Auf der Hoteltoilette verrät einer beiläufig: Auch ein verdecktes Fernsehteam ist dabei, das den Gerüchten um Kim Jong Ils Schlaganfall nachforschen will.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Nordkoreas Diktator hat sich seit Monaten nicht mehr in der Öffentlichkeit blicken lassen, und die Welt rätselt. Fragt man Nordkoreaner nach Kims Befinden, kommt immer die gleiche Antwort: Der liebe Führer ist beschäftigt. Und wenn es ihn mal nicht mehr gibt, wer kommt dann? „Was meinst Du?“ fragt Hey Song und schaut mit ausdrucksloser Miene aus dem Fenster. Dieses eine Mal ist sie tatsächlich um eine Antwort verlegen. <span> </span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Das im Krieg völlig zerstörte Pjöngjang wurde von Kim Il Sung als sozialistisches Utopia aufgebaut. Oder für ihn gebaut. Sein Sohn Kim Jong Il, der auch ein Buch über Architektur verfasste, schenkte ihm zu runden Geburtstagen gerne Monumentalbauten: Einen Paris übertrumpfenden Triumphbogen etwa oder den 170 Meter hohen Juche-Turm, eine Art nordkoreanische Freiheitsstatue.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Pjöngjang ist voll von solchen poststalinistischen Imponierkulissen. Das „Große Studienhaus des Volkes“ etwa mit seinen angeblich 30 Millionen Büchern, darunter allein 12.000 von Kim Jong Il verfasste Traktate über Architektur, Philosophie und Kunst. </span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Hunderte von Hörsälen hat der marmorne Paukpalast, durch den wir geführt werden. Täglich besuchen ihn 10.000 Studenten, sagt unsere Führerin. Und dass hier 250 Professoren bereitstünden, „falls Fragen sind“. Immerhin: Der Philosophieprofessor, den man uns vorführt, hält aus dem Stegreif eine Vorlesung über die Bedeutung Nietzsches als Überwinder des bürgerlichen Zeitalters. Natürlich, setzt er lächelnd nach, sei Nietzsche nur ein Vorläufer der Juche-Philosophie gewesen, der offiziellen Staatsdoktrin Nordkoreas. </span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Es geht weiter in einen Saal, in dem sechzig Stereorekorder in Reih und Glied aufgestellt sind. „Zum Studium der Komposition“, sagt die Führerin, legt eine CD ein und drückt auf Wiedergabe. </span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Dann geschieht ein kleines Wunder. Keine Marschmusik dröhnt aus dem Gerät, sondern die Beatles: „Hey Jude, </span><span>don’t make it bad, take a sad song and make it better”. </span><span lang="DE">Wir schauen uns an: das kann nicht wahr sein. Während zwei Tische weiter ein Student beflissen eine klassische Partitur kopiert, lauschen unsere Begleiterinnen kichernd und mit den Fingern schnipsend Paul McCartney: „</span><span>For well you know that it’s a fool who plays it cool by making his world a little colder”. </span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Wie schizophren kann das Leben in einer Diktatur sein, die Gratwanderung zwischen Beatles und Bolschewismus? In einem Staat, dessen Gründer Kim Il Sung wie ein Popstar verehrt wird. 22 Millionen Nordkoreaner tragen das grinsende Konterfei ihres 1994 verstorbenen „ewigen Präsidenten“ in Form kleiner Anstecknadeln auf der Brust, links über dem Herzen. </span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Das waffenstarrende Land mit der &#8211; gemessen an der Einwohnerzahl – größten Armee der Welt ist wahrlich kein Urlaubsziel, aber die staatlichen Souvenirshops führen neben CDs mit Hymnen auf den „lieben Führer“ auch T-Shirts mit dem Aufdruck „See you in Pyongyang“. Als ob Neckermann bald nach Nordkorea käme.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Der Übergang von Realität und Inszenierung ist fließend. Auf den Kreuzungen drehen sich zackige Politessen wie Ballerinas in einer Spieldose. Die tanzenden Kinder im Mangyongdae-Palast vollführen ihre Pirouetten mit militärischer Präzision. In jedem Raum eine andere Jugendgruppe. Singen und musizieren, sticken und spielen sie nur für uns? Was ist wahr und was ist nur gespielt? </span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Eines Nachts brechen wir aus unserer Hotelburg aus, auf der Suche nach Antworten. Wir fahren mit einem Deutschen, der in Pjöngjang lebt, durch die Stadt. Die Straßenzüge außerhalb des Zentrums liegen im Dunkeln. Nur vereinzelt leuchten Laternen. Im Scheinwerferkegel unseres Wagens sehen wir Fußgänger in kleinen Gruppen mit Taschenlampen am Straßenrand gehen. </span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Im alten Diplomatenclub feiert die jeunesse dorée und singt Karaoke. Ein 18jähriger Botschaftersohn aus Fernost liegt betrunken auf dem Sofa und wird von seiner Freundin geohrfeigt. Die Stimmung ist gut, er hat Geburtstag,. Viel gibt es nicht zu tun nachts in Pjöngjang.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Ein paar Nächte später schleichen wir zu Fuß durch die fahl schimmernden Prunkstraßen im Zentrum. Hier und da leuchtet eine Laterne und an der Fassade des Bahnhofs das gleißende Grinsen Kim Il Sungs. Ein blinder Oberlinienbus kriecht lichtlos die Allee entlang. In einem dunklen Hauseingang lehnt ein Mann neben seinem Bündel Weizen. Wenn in Nordkorea die Scheinwerfer ausgehen, wirkt die Stadt wie ein Filmnegativ.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Die Menschen in Nordkorea sind arm, aber die Zeit scheint nah, da die Widersprüche zu groß werden. Von Madonna oder Britney Spears haben unsere jungen Begleiterinnen nie gehört, aber sie besitzen die neuesten Digitalkameras und MP3-Player aus China. </span></p>
<p><span lang="DE">An einem Nachmittag führen sie uns in ein Souvenirgeschäft: Koreanisches Kunsthandwerk, Musikinstrumente und Briefmarken mit dem Konterfrei des „lieben Führers“. Alles ist sauber und ordentlich, alles läuft nach Plan. Bis sich ein junger Deutscher aus unserer Reisegruppe kurz entschlossen ans Klavier setzt und zu spielen beginnt: Britney Spears’ „Every Time“ und „November Rain“ von den Guns N’ Roses. Schnell hat sich eine staunende Gruppe um das Klavier versammelt. Schaut man in ihre Gesichter, glaubt man: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis im May Day Stadion von Pjöngjang die Stones auftreten.</span></p>
<p>[Erschienen 26.01.2009 im Hamburger Abendblatt]</p>
<p>siehe auch:</p>
<p><a href="http://malteherwig.wordpress.com/2009/03/22/in-kims-kino-eine-reportage-aus-nordkoreas-filmwelt/" target="_blank">&#8222;In Kims Kino: Eine Reportage aus Nordkoreas Filmwelt&#8220;</a></p>
<p><a href="http://malteherwig.wordpress.com/2009/03/22/pizza-in-pjongjang/" target="_blank">&#8222;Pizza in Pjöngjang&#8220;</a> </p>
<p> </p>
<p><!--EndFragment--></p>
Posted in Artikel Tagged: Arirang, Beatles, Britney Spears, Every Time, Film, Friedrich Nietzsche, Guns N' Roses, Karaoke, Kim Il Sung, Kim Jong Il, Kino, Mass Games, Massenspiele, May Day, Nordkorea, North Korea, November Rain, Pjöngjang, Pyongyang, Rolling Stones, SEK Studios <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/malteherwig.wordpress.com/253/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/malteherwig.wordpress.com/253/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/malteherwig.wordpress.com/253/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/malteherwig.wordpress.com/253/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/malteherwig.wordpress.com/253/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/malteherwig.wordpress.com/253/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/malteherwig.wordpress.com/253/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/malteherwig.wordpress.com/253/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/malteherwig.wordpress.com/253/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/malteherwig.wordpress.com/253/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=malteherwig.wordpress.com&blog=6718341&post=253&subd=malteherwig&ref=&feed=1" /></div>]]></content:encoded>
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