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Archive for Februar 2009

Ich fand es ja immer lustig, wer und was sich heute Elite nennt. Da wird der Timmendorfer Strand zum „Catwalk für die Beach-Elite“, während sich in Worms die „Minigolf-Elite“ trifft und die „Trampolin-Elite“ in Barmstedt zusammenkommt. Wie kann man da in Zeiten von Finanzkrise und Reformstau überhaupt noch vernünftig über die „Eliten“ in Politik und Wirtschaft reden? 

Im Wahlkampfjahr 2009 werden Populisten wie Oskar Lafontaine den unweigerlichen Frust über die politische Elite ausnutzen und „die da oben“  bei jeder Gelegenheit anrempeln. Doch bei aller berechtigter Kritik am Reformtempo der Großen Koalition und den Boni-Exzessen der Katastrophen-Banker hat der Populismus von Lafontaine & Co. wenig Aussicht auf Erfolg. Es fehlt ihm an programmatischer Substanz und Realitätssinn.

Der italienische Elitetheoretiker Vilfredo Pareto (1848-1923) sprach einst von einer „Gegen-Elite“, die soziale Konflikte schürt, um die herrschenden Kaste zu stürzen und selbst an die Macht zu gelangen. Wenn Lafontaine fordert, dass große Unternehmen wie Schaeffler und Opel der Belegschaft gehören sollen, mag das melodiös in den Ohren der Arbeitnehmer klingen – aber wie soll das in der Praxis aussehen? Lafontaines Linke: keine Gegen-, sondern eine  Geigen-Elite

Malte Herwigs Buch  „Eliten in einer egalitären Welt“  bestellen

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Ich habe eine Seite extra für „Bücher“ angelegt. Dort gibt es jetzt Informationen über meine Bücher zu den Themen Elite, Thomas Mann etc. Zugegeben: das jüngste ist auch schon 2005 erschienen – das Journalistenleben ist hektisch, da muss man mit dem Bücherschreiben erst mal nachkommen. So viel sei verraten, ein neues Buch ist bereits in der Mache, und die Hauptrolle darin spielt einer der interessantesten deutschsprachigen Schriftsteller der Gegenwart. Watch this space!

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Nach Walser, Hildebrandt, Lenz, Luhmann und anderen auch er: Hans Werner Henze. Wie ich vor kurzem in der „Weltwoche“  berichtete, ist in der NSDAP-Kartei im Bundesarchiv eine Mitgliedskarte für den berühmten Komponisten (Jahrgang 1926) aufgetaucht. Klar: man könnte den damals 17jährigen wohl kaum einen Vorwurf daraus machen, dass sie mehr oder weniger freiwillig in die NSDAP  eingetreten sind.

Aber die Reaktionen der Betroffenen wie auch mancher Kommentatoren sind schon interessant: Wenn nicht sein kann, was nicht sein darf, wird gerne schon mal gegen alle Wahrscheinlichkeit (und archivalische Belege) geurteilt, dass es sich bei den Parteimitgliedschaften der prominenten Künstler nur um „Geburtstagsgeschenke“ für Hitler handeln könne. 

Der Wunsch ist offensichtlich Vater des Gedankens, wenn die F.A.Z. sich um den Ruf des „weltweit anerkannten“ Musikers sorgt und hofft, „dass diese ,bösen Geister‘ bald wieder in der Versenkung verschwinden werden„. Soll das heißen, dass man die historischen Aktenfunde lieber ignoriert, anstatt sie zu erforschen?  

Am lustigsten die Argumentation von Franziska Augstein in der Süddeutschen Zeitung. Für die promovierte Leitartiklerin, deren Sozialisierung als Historikerin sich in der Spätphase poststrukturalistischer Beliebigkeitspostulate vollzog, steht fest, dass «eine Quelle unfraglich nur eines besagt: dass sie existiert». Seriöse Quellenkritik sieht anders aus, und für Sammelaufnahmen ohne Wissen der Betroffenen fehlt bisher jeder Beleg. Die Diskussion um die NSDAP-Karteimitglieder hat eher mit Politik zu tun, als mit Geschichtsforschung.

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Vor ein paar Jahren erregte der Sozialpsychologe Harald Welzer mit einer Studie in Deutschland Aufsehen, welche die Verarbeitung der NS-Vergangenheit in deutschen Familien erforschte. Dabei entdeckten die Wissenschaftler, dass rund zwei Drittel der Familienerzählungen Opfer- und Heldengeschichten über die Grosseltern sind, die von der Kinder- und Enkelgeneration nicht nur bereitwillig geglaubt, sondern geradezu eingefordert werden. (mehr …)

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 Hans Werner Henze ist einer der berühmtesten deutschen Komponisten der Gegenwart. Politisch hat er sich als Linker und Antifaschist betätigt. Jetzt legt eine Recherche nahe: Der 1926 geborene Henze war Mitglied der NSDAP.   

Wäre die Erinnerung ein Konzert – so könnte es klingen, das Jüngste Gericht über die deutsche Vergangenheit: «Ein In- und Aufeinander von Schreckensgetön aus der Kindheit, Erinnerungen an Marschlieder und Hymnen, Gassenhauer und Gemeinheiten, Suff. Blitzlichtklänge aus dem riefenstahlschen Nazi-Nürnberg beleidigen uns, den Fanfarenzügen entfährt grelle Ignoranz, das doofe Dur der Angepassten und Mitlaufenden.»   (mehr …)

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Vor ein paar Wochen traf ich in Paris die Schriftstellerin Ana Novac, um mit ihr über das beeindruckende Tagebuch zu sprechen, dass sie als Häftling in Auschwitz und anderen deutschen Konzentrationslagern führte. Kurz vor dem Besuch eine Zufallsbegegnung: Im Bistro nebenan saß die Theaterautorin Yasmina Reza, und wir kamen ins Gespräch.

Ein Zufall, aber ein passender. Letztes Jahr sah ich in London Rezas Stück  „Der Gott des Gemetzels„. Es zeigt, ähnlich wie William Goldings „Herr der Fliegen„, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist und wie schnell Gewalt und Brutalität die Oberhand gewinnen. Was Ana Novac erlebte und auschrieb, ist keine Fktion. In ihrem KZ-Tagebuch „Die schönen Tage meiner Jugend“  schildert sie mit geradezu brutaler Offenheit die Verhältnisse im Lager: „Dante hätte jede Menge Zeit gehabt, seine Hölle zu vollenden“. 

Das Porträt von Ana Novac ist am 19. Februar im ZEIT-Magazin erschienen. Ana Novacs Tagebuch sollte Pflichtlektüre für Holocaust-Leugner wie Bischof Richard Williamson sein.

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Im Vernichtungslager schrieb Ana Novac als junges Mädchen auf, was sie erlebte. Ihr Tagebuch aus der Hölle ist jetzt wiederentdeckt worden

Ein altes Mietshaus im Nordosten von Paris, unweit des Canal Saint-Martin und der großen Bahnhöfe. Die Frau, die seit Jahrzehnten in dem kleinen Appartement im vierten Stock wohnt, hat fünf Namen und viele Leben. Winzig und scheinbar unsterblich sitzt Ana Novac auf dem Sofa. Auf dem Kaminsims stehen ein paar bunte Teller, daneben ein Schaukelstuhl, in der Ecke eine neunarmige Chanukka-Leuchte. Ana Novac hat ein kindliches Gesicht und lockige, kurze Haare. Sie staunt noch immer über das, was ihr geschah. „Der Körper hat kein Gedächtnis“, sagt sie, aber dieses Gefühl hat sie nie verlassen: die Verblüffung darüber, in einem Vernichtungslager zu sein.

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