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Archive for August 2010

Der designierte parteilose Hamburger Wirtschaftssenator Ian Karan hat in den Medien einen neuen Spitznamen weg: „Hamburgs Münchhausen“ nennt ihn der Spiegel und mokiert sich über die „märchenhafte Fantasie“, mit der der  aus Sri Lanka stammenden Container-Mogul und hanseatische Mäzen „seinen Lebenslauf frisiert“ habe. Vor der Senatswahl lägen „kleinere Korrekturen der Vita offenbar im Trend“, spottet die Financial Times Deutschland.

Ein investigativer Scoop, ein Beispiel von glänzendem Enthüllungsjournalismus der Hamburger Medien?

Äh… nein. Karan selbst ist vor seiner Wahl zum Wirtschaftssenator an die Öffentlichkeit gegangen, um reinen Tisch zu machen. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hatte er mehrere Falschbehauptungen richtiggestellt, die er in die Welt gesetzt hatte. Eine freiwillige Selbstanzeige also, das publizistische Äquivalent zu den Steuersündern, die – bevor sie ertappt werden – reinen Tisch machen und dafür auf Milde hoffen können.

Er habe für die Schulreform-Gegner gespendet, beichtete Karan, und den hanseatischen Ex-Senator Ronald Schill noch im Bürgerschaftswahlkampf 2004 finanziell unterstützt.  Auch habe ihn nicht die Bundeskanzlerin persönlich, sondern die Integrationsbeauftrage der Regierung Maria Böhmer aufgefordert, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen.  Außerdem korrigierte Karan seine Aussage, er sei aufgrund seiner Proteste gegen den Vietnam-Krieg von der London School of Economics geflogen – tatsächlich war er ein ganz normaler Studienabbrecher, der dann über den Container-Handel zum Selfmade-Millionär aufstieg. Damit hat die deutsche Neid-Gesellschaft offensichtlich immer noch ihre Probleme .

Sicher: Karan hätte nicht flunkern dürfen. Doch hinter der Empörung steckt eine gehörige Portion Heuchelei, und manche Zeitung berichtet über Karans „frisierten Lebenslauf“, als hätte der Mann Urkunden gefälscht oder sich einen Doktortitel von der Freien Universität in Molwanien gekauft.

Vielleicht stellt sich ja noch heraus, das Karan 1970 in Hamburg nicht wirklich als Tellerwäscher angefangen, sondern nur Untertassen gespült hat. Dann werden manche Medien wieder mal ein Problem damit haben, daß sie etwas ohne Gegenrecherche übernommen  haben. „Lügen“ werden erst einmal geschluckt, bevor sie gedruckt werden.

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Liebe Eltern höherer Töchter und Söhne, alle mal aufgepaßt: Sie wollen nur das Beste für Ihren Nachwuchs, richtig? Also haben Sie ihr Kind schon früh in einen internationalen Kindergarten gesteckt, es an allen Schulreformen vorbei auf ein altsprachliches Gymnasium bugsiert und auch für das Auslandsjahr in Übersee gesorgt.

Und trotz des etwas verkrampften Versuchs, regierungsamtlich bestellte „Elite-Universitäten“ aus deutschem Grund und Boden zu stampfen, glauben Sie natürlich, daß nur das Studium an einer englischen Kaderschmiede wie Oxford ihrem Nachwuchs eine angemessene Perspektive bietet.

Liebe Eltern höherer Töchter und Söhne, ich kann Sie nur warnen: Lesen Sie keinesfalls Carl von Siemens’ Roman „Kleine Herren“. Verhindern Sie um jeden Preis, daß dieses Buch in die Hände ihrer Kinder gerät. Drohen Sie ihnen notfalls damit, sie zu enterben. (mehr …)

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Es ist das Thema des Sommerlochs: demnächst beginnt Google mit seinem Dienst Google Street View auch in Deutschland. Im Spiegel spottet der Autor Thomas Darnstädt über die Kritik von Datenschützern, die eine Verletzung der Privatsphäre befürchten. Er  unterstellt den Google-Kritikern „provinzielleFurcht vor der allgegenwärtigen Öffentlichkeit“ und „lächerliche Angst vorm bösen Blick“.

Darnstädt dürfte also kein Problem damit haben, wenn sich demnächst die „allgegenwärtige Öffentlichkeit“ die Fassade seines eigenen Hauses im Internet anschaut. Tatsächlich muß der Spiegel-Autor keine neugierigen Blicke befürchten: er selbst zieht es nämlich sicherheitshalber vor, ohne Straßenname im Telefonbuch zu stehen.

Diese Entscheidung ist sein gutes Recht. Aber warum macht er sich dann über die Angst anderer Menschen vor Verletzung ihrer Privatsphäre lustig?

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