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Posts Tagged ‘Geschichte’

Liebe Eltern höherer Töchter und Söhne, alle mal aufgepaßt: Sie wollen nur das Beste für Ihren Nachwuchs, richtig? Also haben Sie ihr Kind schon früh in einen internationalen Kindergarten gesteckt, es an allen Schulreformen vorbei auf ein altsprachliches Gymnasium bugsiert und auch für das Auslandsjahr in Übersee gesorgt.

Und trotz des etwas verkrampften Versuchs, regierungsamtlich bestellte „Elite-Universitäten“ aus deutschem Grund und Boden zu stampfen, glauben Sie natürlich, daß nur das Studium an einer englischen Kaderschmiede wie Oxford ihrem Nachwuchs eine angemessene Perspektive bietet.

Liebe Eltern höherer Töchter und Söhne, ich kann Sie nur warnen: Lesen Sie keinesfalls Carl von Siemens’ Roman „Kleine Herren“. Verhindern Sie um jeden Preis, daß dieses Buch in die Hände ihrer Kinder gerät. Drohen Sie ihnen notfalls damit, sie zu enterben. (mehr …)

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Die Vandalen sind der Inbegriff der Zerstörungswut. Eine grosse Ausstellung in Karlsruhe und eine Reise auf den Spuren des verrufenen germanischen Stammes nach Nordafrika zeigen jetzt: Die Barbaren lebten erstaunlich zivilisiert und manierlich.

Der Schrecken der alten Römer trägt Pilzkopffrisur und Hose. “Ein waschechter Vandale”, freut sich Harald Siebenmorgen und zeigt auf die Überreste eines großen Jagdmosaiks aus dem Karthago des frühen 6. Jahrhunderts, auf dem der dingfest gemachte Barbar wie ein antiker Superheld mit wehendem Umhang von links nach rechts reitet. Kein Wunder, denkt man sich angesichts des flotten Reiters, daß bereits Plinius der Ältere um 70 nach Christus in seiner Naturgeschichte von den “Vandili”, den “Gewandten, Beweglichen” schrieb.

Der Besuch im Nationalmuseum von Bardo in Tunis ist der Höhepunkt einer Reise auf den Spuren der Vandalen, zu der Siebenmorgen gemeinsam mit dem tunesischen Fremdenverkehrsamt geladen hat. Seit 18 Jahren ist er Direktor des Badischen Landesmuseums, unzählige Male hat er das nordafrikanische Land bereist und bereits vor fünf Jahren dem punischen Feldherrn Hannibal eine große Ausstellung gewidmet. Siebenmorgen, so scheint es, hat ein Faible für antike Bösewichte, am 24. Oktober sind die Vandalen dran. Dann beginnt in Karlsruhe die große Landesausstellung, die sich nicht weniger als die Ehrenrettung des übel beleumundeten germanischen Volksstammes auf die Fahnen geschrieben hat. Denn in jüngster Zeit entdecken Kulturhistoriker und Archäologen an dem verrufenen Barbarenstamm zunehmend zivile Seiten. (mehr …)

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Der George-Kreise nach des Meisters Tod – Ulrich Raulff erzählt in seiner Kreisbiografie eine Gespenstergeschichte für Erwachsene

Auch imaginäre Reiche können zerfallen. Bei Stefan George und seinem Kreis kann man den Beginn dieses Zerfalls genau datieren. In den frühen Morgenstunden des 4. Dezember 1933 tut der Dichter seinen letzten Atemzug. Von da an war das von George geschaffene „Dritte Reich“, anders als das ohne Anführungszeichen auskommende Machtgebilde Hitlers, den Jüngern überlassen.

Was dann geschah, beschreibt Ulrich Raulff als ziemlich atemberaubende Geschichte von Korruption und Zwist, als „schmutzige Ideengeschichte“ über den Streit um die Auslegung von Georges Botschaft. Andere Dichter mögen eine Wirkungsgeschichte haben, George hatte ein Nachleben. Die Bezeichnung als „Essay“ ist für ein Buch von mehr als 500 Seiten fast schon sittenwidrig, wäre da nicht der bewundernswert leichte essayistische Stil. Tatsächlich ist Raulffs Werk eine grandiose Art postumer Ideenbiografie. (mehr …)

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Nach Recherchen von Malte Herwig wurde der Schriftsteller Dieter Wellershoff von der NSDAP als Mitglied geführt. Danach gefragt, lud er unseren Autor zu sich nach Hause ein und begab sich auf Erinnerungssuche

Vor Kurzem bekam der Schriftsteller Dieter Wellershoff, 83, einen Brief des Bundesarchivs in Berlin: Man habe, ausgelöst durch eine Recherche des ZEITmagazins, eine auf seinen Namen ausgestellte Karte in der Mitgliederkartei der NSDAP entdeckt – Dieter Wellershoff, Mitglied Nr. 10.172.531 der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Eine hohe, also späte Nummer, eine vom letzten Aufgebot.

Wer durfte in die Partei? Nur wer für würdig befunden wurde und unterschrieb. Sagen die Historiker. Dieter Wellershoff, das einstige Mitglied der Schriftstellervereinigung Gruppe 47, ein Mann, der sich in Büchern und Essays oft mit der deutschen Katastrophe beschäftigte, sagt am Telefon: „Ich war total vor den Kopf geschlagen, als ich von der Karte erfuhr.“

Er ist bereit zum Gespräch. Es findet Tage später in seiner Kölner Altbauwohnung statt. Wellershoff breitet Dokumente und Fotos auf dem Glastisch aus. Die Entlassungsurkunde aus britischer Gefangenschaft liegt da, ein Fotoalbum aus den dreißiger und vierziger Jahren. Und die Kopie der NSDAP-Karteikarte. (mehr …)

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VORABMELDUNG (den kompletten Artikel finden Sie im aktuellen ZEITmagazin)

Der bekannte deutsche Schriftsteller und Essayist Dieter Wellershoff, 83, wurde von der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) als Mitglied geführt. Wie Recherchen von ZEITmagazin-Autor Malte Herwig ergaben, existiert in der NSDAP-Mitgliederkartei im Bundesarchiv eine Karteikarteunter unter der Nummer 10.172.531 auf Wellershoffs Namen.

Der Mitgliedskarte zufolge wurde die Aufnahme des damals 18-jährigen Wellershoff in die NSDAP am 20.04.1944 beantragt und erfolgte rückwirkend zum 20.04.1943. Ein unterschriebener Aufnahmeantrag liegt nicht vor. Allerdings findet sich Wellershoff auf einer namentlichen Liste von 368 NSDAP-Aufnahmeanträgen, die am 28. Oktober 1944 von der Gauleitung Düsseldorf bei der Reichsleitung in München eingereicht wurden.

Mit dem Fund konfrontiert, erklärte sich Dieter Wellershoff zum Gespräch bereit. Es wurde ein langer Nachmittag, vier Stunden lang sprach er mit dem Autor des ZEITmagazins, Malte Herwig, über sein Leben in den Monaten vor Kriegsende.

Wellershoff, der am 3.11.1925 in Neuß geboren wurde, erlebte das Ende des Kriegs als Wehrmachtssoldat in der Division Hermann Göring. Nach 1945 arbeitete er für den Rundfunk sowie als Lektor und Herausgeber der Werke Gottfried Benns. Der profilierte Schriftsteller (Der Liebeswunsch) und Essayist ist Mitglied des P.E.N.-Clubs und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Seine Bereitschaft, über die eigene Rolle in der damaligen Zeit zu sprechen, unterscheidet ihn von den meisten anderen Leitfiguren der Bundesrepublik, deren Verstrickung in die NS-Zeit später herauskam. Zu den Betroffenen gehören Martin Walser, Dieter Hildebrandt, Siegfried Lenz, Horst Ehmke, Hans Werner Henze und andere führende Intellektuelle und Künstler der Bundesrepublik. Das Auftauchen von immer mehr NS-Mitgliedskarteikarten prominenter Deutscher hat schon häufig für Diskussionen darüber gesorgt, ob die Angehörigen der Jahrgänge 1925-1927 vielleicht ohne eigenes Wissen in die NSDAP aufgenommen wurden.

Wellershoff selbst hatte vor zwei Jahren in einem SPIEGEL-Essay die Diskussion um die NS-Karteikarten als „journalistisches Sommertheater“ bezeichnet und seine Generationsgenossen in Schutz genommen. Ein Jahr zuvor kritisierte er in einem Artikel auf SPIEGEL Online den Schriftstellerkollegen Günter Grass dafür, dass der seine SS-Mitgliedschaft jahrzehntelang verschwiegen hatte. 

Nun äußert er sich im Interview mit dem ZEITmagazin zu seinem Verhältnis als Jugendlicher zur NSDAP: „Vor diesen braunen Leuten habe ich nur Abscheu empfunden. Ich kann mich überhaupt nicht erinnern, dass ich irgendetwas unterschrieben hätte. Ich war nicht Mitglied der NSDAP. Ich hätte ja verrückt sein müssen, am Ende des Krieges einzutreten. Wem hätte ich damit gefallen wollen können? Wir Jungen wurden verheizt für die Fantasiepolitik der NSDAP. Damit diese Leute noch ein paar Monate länger an der Macht blieben.“

Wellershoff berichtet von Scheinbataillonen, aufgestellt in den letzten Kriegsmonaten. „Ich habe ein ganzes Feld voll gefallener Kameraden vor Augen, wenn ich daran denke.“ Und er sagt: „Dass ich den Krieg überlebt habe, habe ich versucht zurückzuzahlen, indem ich mich aufklärerisch verhalten habe.“

In der Tat hat Wellershoff in seinem literarischen und essayistischen Werk die eigene Zeit als Soldat, auch die eigene jugendliche Begeisterung dafür, mehrfach thematisiert.

Unter zeitgeschichtlichen Experten besteht indessen weitgehend Einigkeit, dass ohne eigenhändige Unterschrift der Betroffenen keine Aufnahme in die NSDAP möglich war. Der Historiker Armin Nolzen sagte dem ZEITmagazin: „Für eigenmächtige Anmeldungen durch HJ-Führer gibt es bis heute keinen einzigen empirischen Beweis“.

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Nach Walser, Hildebrandt, Lenz, Luhmann und anderen auch er: Hans Werner Henze. Wie ich vor kurzem in der „Weltwoche“  berichtete, ist in der NSDAP-Kartei im Bundesarchiv eine Mitgliedskarte für den berühmten Komponisten (Jahrgang 1926) aufgetaucht. Klar: man könnte den damals 17jährigen wohl kaum einen Vorwurf daraus machen, dass sie mehr oder weniger freiwillig in die NSDAP  eingetreten sind.

Aber die Reaktionen der Betroffenen wie auch mancher Kommentatoren sind schon interessant: Wenn nicht sein kann, was nicht sein darf, wird gerne schon mal gegen alle Wahrscheinlichkeit (und archivalische Belege) geurteilt, dass es sich bei den Parteimitgliedschaften der prominenten Künstler nur um „Geburtstagsgeschenke“ für Hitler handeln könne. 

Der Wunsch ist offensichtlich Vater des Gedankens, wenn die F.A.Z. sich um den Ruf des „weltweit anerkannten“ Musikers sorgt und hofft, „dass diese ,bösen Geister‘ bald wieder in der Versenkung verschwinden werden„. Soll das heißen, dass man die historischen Aktenfunde lieber ignoriert, anstatt sie zu erforschen?  

Am lustigsten die Argumentation von Franziska Augstein in der Süddeutschen Zeitung. Für die promovierte Leitartiklerin, deren Sozialisierung als Historikerin sich in der Spätphase poststrukturalistischer Beliebigkeitspostulate vollzog, steht fest, dass «eine Quelle unfraglich nur eines besagt: dass sie existiert». Seriöse Quellenkritik sieht anders aus, und für Sammelaufnahmen ohne Wissen der Betroffenen fehlt bisher jeder Beleg. Die Diskussion um die NSDAP-Karteimitglieder hat eher mit Politik zu tun, als mit Geschichtsforschung.

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Vor ein paar Jahren erregte der Sozialpsychologe Harald Welzer mit einer Studie in Deutschland Aufsehen, welche die Verarbeitung der NS-Vergangenheit in deutschen Familien erforschte. Dabei entdeckten die Wissenschaftler, dass rund zwei Drittel der Familienerzählungen Opfer- und Heldengeschichten über die Grosseltern sind, die von der Kinder- und Enkelgeneration nicht nur bereitwillig geglaubt, sondern geradezu eingefordert werden. (mehr …)

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