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Posts Tagged ‘Journalismus’

Der designierte parteilose Hamburger Wirtschaftssenator Ian Karan hat in den Medien einen neuen Spitznamen weg: „Hamburgs Münchhausen“ nennt ihn der Spiegel und mokiert sich über die „märchenhafte Fantasie“, mit der der  aus Sri Lanka stammenden Container-Mogul und hanseatische Mäzen „seinen Lebenslauf frisiert“ habe. Vor der Senatswahl lägen „kleinere Korrekturen der Vita offenbar im Trend“, spottet die Financial Times Deutschland.

Ein investigativer Scoop, ein Beispiel von glänzendem Enthüllungsjournalismus der Hamburger Medien?

Äh… nein. Karan selbst ist vor seiner Wahl zum Wirtschaftssenator an die Öffentlichkeit gegangen, um reinen Tisch zu machen. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hatte er mehrere Falschbehauptungen richtiggestellt, die er in die Welt gesetzt hatte. Eine freiwillige Selbstanzeige also, das publizistische Äquivalent zu den Steuersündern, die – bevor sie ertappt werden – reinen Tisch machen und dafür auf Milde hoffen können.

Er habe für die Schulreform-Gegner gespendet, beichtete Karan, und den hanseatischen Ex-Senator Ronald Schill noch im Bürgerschaftswahlkampf 2004 finanziell unterstützt.  Auch habe ihn nicht die Bundeskanzlerin persönlich, sondern die Integrationsbeauftrage der Regierung Maria Böhmer aufgefordert, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen.  Außerdem korrigierte Karan seine Aussage, er sei aufgrund seiner Proteste gegen den Vietnam-Krieg von der London School of Economics geflogen – tatsächlich war er ein ganz normaler Studienabbrecher, der dann über den Container-Handel zum Selfmade-Millionär aufstieg. Damit hat die deutsche Neid-Gesellschaft offensichtlich immer noch ihre Probleme .

Sicher: Karan hätte nicht flunkern dürfen. Doch hinter der Empörung steckt eine gehörige Portion Heuchelei, und manche Zeitung berichtet über Karans „frisierten Lebenslauf“, als hätte der Mann Urkunden gefälscht oder sich einen Doktortitel von der Freien Universität in Molwanien gekauft.

Vielleicht stellt sich ja noch heraus, das Karan 1970 in Hamburg nicht wirklich als Tellerwäscher angefangen, sondern nur Untertassen gespült hat. Dann werden manche Medien wieder mal ein Problem damit haben, daß sie etwas ohne Gegenrecherche übernommen  haben. „Lügen“ werden erst einmal geschluckt, bevor sie gedruckt werden.

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Futur II ist die neue Echtzeit des Journalismus: Alle berichten lange vorher, was jemand gesagt haben wird und was eine Untersuchung ergeben haben wird. Oder so, wie es die Nachrichtenagenturen gerade bei Köhlers Weihnachtsansprache machen. Die wird bekanntlich am 25. Dezember, also morgen gesendet. Aber dank ddp, Reuters und Co wissen wir heute schon, was das Staatsoberhaupt laut „vorab verbreitetem Redetext“  morgen „sagte“.

Deshalb mein Ratschlag, heute um 12.50h auf Deutschlandradio Kultur: Jetzt zurückschlagen! Schluß mit der Politik unterm Weihnachtsbaum. Drehen Sie den Spieß um und senden Sie Ihre eigene Weihnachtsansprache an den Bundespräsidenten.

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Auch das noch: Politik unterm Weihnachtsbaum – muss das sein? Es ist längst eine Binsenweisheit, dass das Private politisch ist, aber selten wird das so deutlich wie beim Weihnachtsfest. Bis ins alte Ägypten läßt sich die Tradition eines „Staatsweihnachtsfestes“ zurückverfolgen, das in der Antike noch die Form eines Sonnenkults zum Zeitpunkt der Wintersonnenwende im Dezember hatte.

Als das Christentum im 4. Jahrhundert zur Staatsreligion wurde, beerbte die Kirche den antiken Sonnenkult: An die Stelle des von den Römern am 25. Dezember gefeierten Geburtstag des „sol invictus“ trat die Geburt Christi, dessen Nachfolger auf Erden der Kaiser war.

Es war der Beginn eines staatlichen Weihnachtskultes, der im Laufe der Zeit immer deutlichere Züge annahm. Im 15. Jahrhundert trug der König selber zur Weihnachtsmette das Evangelium vor. Im 15. und 16. Jahrhundert pilgerten deutsche Herrscher nach Köln zu den Gebeinen der Heiligen Drei Könige. Heutige Regierungschefs in Bund und Ländern machen es sich leichter: Sie lassen am Dreikönigstag die Sternsinger zu sich kommen.

Die moderne, typisch deutsche Familienweihnacht entstand um 1800 als Fest des städtischen Bürgertums. Das neue Weihnachtsfest wurde ein privates Ritual für Haus und Heim und stand doch von Anfang an unter politischen Vorzeichen. Schon in den 1780er-Jahren vermutete der Volkskundler Lorenz Westenrieder, das solche allgemein gefeierten Feste „eines der sichersten, wirksamsten Mittel seyn dürften, den Gemeingeist der Staatsbürger zu wecken, zu beleben und anzufeuern“. Eine staatstragende Hoffnung, die bis heute aus jeder Weihnachtsbotschaft jedes Bundespräsidenten klingt.

Der Politik verdanken wir auch den Weihnachtsbaum. Er fand erst während des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 weitere Verbreitung, nachdem die Heeresleitung in deutschen Lazaretten und Unterständen Weihnachtsbäume hatte aufstellen lassen. Im Ersten Weltkrieg schickten Familienangehörige den Soldaten im Feld Miniaturweihnachtsbäume. An der Heimatfront sorgten feldgraue Christbaumsoldaten aus Porzellan, Leder und Filz für kriegerische Feststimmung.

Dann kam die Massenkommunikation. 1923 verbreitete Reichskanzler Wilhelm Marx als erster Regierungschef einen Weihnachtsgruß per Rundfunk. Zwei Jahrzehnte später setzten die Nationalsozialisten den Reichsrundfunk als Instrument großdeutscher Weihnachtspropaganda ein, der an Heiligabend 1941 und 1942 per Liveschaltung von allen Kriegsfronten sendete: vom Atlantik bis Stalingrad, von Libyen bis zum Nordkap gaben Wehrmachtssoldaten Weihnachtsgrüße durch.

Als Ideologie mit eigener Heilslehre war der Nationalsozialismus darauf aus, die christliche Symbolik des Weihnachtsfestes durch ihr eigenes braunes Brauchtum zu ersetzen. Aus dem Weihnachtsbaum wurde der „Julbaum“, aus Nikolaus wurde Ruprecht, die Christrose mutierte zur Schneerose und statt des Sterns sollte ein Hakenkreuz die Baumspitze krönen.

Und doch, wie könnte es beim Fest der Hoffnung anders sein: Die hohe Politik kann sich nie ganz auf die Linientreue der feiernden Untertanen verlassen. 1914 kam es am Heiligabend in flandrischen Schützengräben zu spontanen Verbrüderungsszenen zwischen Engländern, Franzosen und Deutschen.

Das Weihnachtsfest mag der Familie gehören, aber gerade deshalb ist es auch ein politisches Stimmungsbarometer. Die besinnliche Atmosphäre gibt uns die Gelegenheit, die politische und wirtschaftliche Realität daran zu messen, was wir vom Fest der Liebe erwarten: soziale Sicherheit, Frieden, Harmonie.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, wagen Sie dieses Jahr doch mal ein Weihnachtsansprachenexperiment. Schon Brecht träumte ja davon, den Radiohörer vom Empfänger zum Sender zu machen. Im Zeitalter des multimedialen Internet ist das kein Problem mehr. Also drehen Sie den Spieß um und senden Sie Ihre eigene Weihnachtsansprache an den Bundespräsidenten!

Zuerst gesendet im Deutschlandradio Kultur am 24. 12. 2009 (Audio: MP3 zum Nachhören)

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Als Condé Nast-Verleger Jonathan Newhouse im Dezember der erleichterten Vanity Fair-Mannschaft kurz vorm Nikolaustag verkündete, dass ihre Stellen sicher seien und das Magazin weiter erscheinen werde, da waren erst mal alle beeindruckt. Allerdings hätte die Rede des vollmundigen Verlegers schon damals Zweifel an seiner Aufrichtigkeit wecken können. Wie mir ein Freund aus der Redaktion berichtete, sagte Newhouse wörtlich: „We will continue the magazine, because that’s what we do: fish swim, horses ride, publishers publish!” 

Newhouse verkündete also nicht: „Pferde rennen“, wie die taz frei übersetzte, sondern „Pferde reiten“. Wenn ein Verlagsboss Ross und Reiter verwechselt, ist das kein gutes Omen. Nur zwei Monate später vollzog Newhouse den peinlichen U-Turn und verkündete der völlig verdatterten Vanity Fair-Mannschaft, dass ihr Magazin mit sofortiger Wirkung eingestellt wird.

So zeigt sich wieder einmal, dass Bilanzfixer und Großsprecher (siehe David Montgomery), die nur auf Rendite schauen und keine publizistische Vision haben, nicht unbedingt gute Verleger sind. Das braucht Leute vom Schlag wie Jakob Augstein, der mit „der freitag“ mitten in der Krise unerschrocken ein innovatives Printmedium gegründet hat.  

Verlegen ist ein besonderes Geschäft, man muß schon eine gehörige Portion Enthusiasmus, Mut und langen Atem dazu haben. Dann wird man nicht nur mit Erfolg belohnt, sondern mit dem, was man früher ganz altmodisch einen „Ruf“ nannte. Sonst heißt es eben bloß wie im Fall Jonathan Newhouse: Verleger (sind) verlegen.

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