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Futur II ist die neue Echtzeit des Journalismus: Alle berichten lange vorher, was jemand gesagt haben wird und was eine Untersuchung ergeben haben wird. Oder so, wie es die Nachrichtenagenturen gerade bei Köhlers Weihnachtsansprache machen. Die wird bekanntlich am 25. Dezember, also morgen gesendet. Aber dank ddp, Reuters und Co wissen wir heute schon, was das Staatsoberhaupt laut „vorab verbreitetem Redetext“  morgen „sagte“.

Deshalb mein Ratschlag, heute um 12.50h auf Deutschlandradio Kultur: Jetzt zurückschlagen! Schluß mit der Politik unterm Weihnachtsbaum. Drehen Sie den Spieß um und senden Sie Ihre eigene Weihnachtsansprache an den Bundespräsidenten.

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Auch das noch: Politik unterm Weihnachtsbaum – muss das sein? Es ist längst eine Binsenweisheit, dass das Private politisch ist, aber selten wird das so deutlich wie beim Weihnachtsfest. Bis ins alte Ägypten läßt sich die Tradition eines „Staatsweihnachtsfestes“ zurückverfolgen, das in der Antike noch die Form eines Sonnenkults zum Zeitpunkt der Wintersonnenwende im Dezember hatte.

Als das Christentum im 4. Jahrhundert zur Staatsreligion wurde, beerbte die Kirche den antiken Sonnenkult: An die Stelle des von den Römern am 25. Dezember gefeierten Geburtstag des „sol invictus“ trat die Geburt Christi, dessen Nachfolger auf Erden der Kaiser war.

Es war der Beginn eines staatlichen Weihnachtskultes, der im Laufe der Zeit immer deutlichere Züge annahm. Im 15. Jahrhundert trug der König selber zur Weihnachtsmette das Evangelium vor. Im 15. und 16. Jahrhundert pilgerten deutsche Herrscher nach Köln zu den Gebeinen der Heiligen Drei Könige. Heutige Regierungschefs in Bund und Ländern machen es sich leichter: Sie lassen am Dreikönigstag die Sternsinger zu sich kommen.

Die moderne, typisch deutsche Familienweihnacht entstand um 1800 als Fest des städtischen Bürgertums. Das neue Weihnachtsfest wurde ein privates Ritual für Haus und Heim und stand doch von Anfang an unter politischen Vorzeichen. Schon in den 1780er-Jahren vermutete der Volkskundler Lorenz Westenrieder, das solche allgemein gefeierten Feste „eines der sichersten, wirksamsten Mittel seyn dürften, den Gemeingeist der Staatsbürger zu wecken, zu beleben und anzufeuern“. Eine staatstragende Hoffnung, die bis heute aus jeder Weihnachtsbotschaft jedes Bundespräsidenten klingt.

Der Politik verdanken wir auch den Weihnachtsbaum. Er fand erst während des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 weitere Verbreitung, nachdem die Heeresleitung in deutschen Lazaretten und Unterständen Weihnachtsbäume hatte aufstellen lassen. Im Ersten Weltkrieg schickten Familienangehörige den Soldaten im Feld Miniaturweihnachtsbäume. An der Heimatfront sorgten feldgraue Christbaumsoldaten aus Porzellan, Leder und Filz für kriegerische Feststimmung.

Dann kam die Massenkommunikation. 1923 verbreitete Reichskanzler Wilhelm Marx als erster Regierungschef einen Weihnachtsgruß per Rundfunk. Zwei Jahrzehnte später setzten die Nationalsozialisten den Reichsrundfunk als Instrument großdeutscher Weihnachtspropaganda ein, der an Heiligabend 1941 und 1942 per Liveschaltung von allen Kriegsfronten sendete: vom Atlantik bis Stalingrad, von Libyen bis zum Nordkap gaben Wehrmachtssoldaten Weihnachtsgrüße durch.

Als Ideologie mit eigener Heilslehre war der Nationalsozialismus darauf aus, die christliche Symbolik des Weihnachtsfestes durch ihr eigenes braunes Brauchtum zu ersetzen. Aus dem Weihnachtsbaum wurde der „Julbaum“, aus Nikolaus wurde Ruprecht, die Christrose mutierte zur Schneerose und statt des Sterns sollte ein Hakenkreuz die Baumspitze krönen.

Und doch, wie könnte es beim Fest der Hoffnung anders sein: Die hohe Politik kann sich nie ganz auf die Linientreue der feiernden Untertanen verlassen. 1914 kam es am Heiligabend in flandrischen Schützengräben zu spontanen Verbrüderungsszenen zwischen Engländern, Franzosen und Deutschen.

Das Weihnachtsfest mag der Familie gehören, aber gerade deshalb ist es auch ein politisches Stimmungsbarometer. Die besinnliche Atmosphäre gibt uns die Gelegenheit, die politische und wirtschaftliche Realität daran zu messen, was wir vom Fest der Liebe erwarten: soziale Sicherheit, Frieden, Harmonie.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, wagen Sie dieses Jahr doch mal ein Weihnachtsansprachenexperiment. Schon Brecht träumte ja davon, den Radiohörer vom Empfänger zum Sender zu machen. Im Zeitalter des multimedialen Internet ist das kein Problem mehr. Also drehen Sie den Spieß um und senden Sie Ihre eigene Weihnachtsansprache an den Bundespräsidenten!

Zuerst gesendet im Deutschlandradio Kultur am 24. 12. 2009 (Audio: MP3 zum Nachhören)

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Der Tag 1 nach dem Massenmord von Winnenden war ein scheinbar ganz normaler Tag in Deutschland. Die Züge fuhren pünktlich, die Post wurde ausgetragen und der Mediendienst Kress vermeldete in seinem Quotencheck, dass 1,31 Millionen „werberelevante Fernseher“ am Vorabend die RTL Sondersendung „Explosiv Spezial – Der Amoklauf von Winnenden“ gesehen hatten. Der „Tagessieger in der Werbezielgruppe“ war eine Doku-Soap über Schulden.

Man kann sich keinen besseren Beleg vorstellen für die These des Medienwissenschaftlers Neil Postman, das Fernsehen als Medium neige dazu, jedes noch so ernste Thema seiner eigenen Logik zu unterwerfen. Und die heißt nun einmal: Unterhaltung, Werbung, Quote.

Und doch hat der Amoklauf des Tim K. das Land für kurze Zeit in einen seelischen Ausnahmezustand versetzt. Entsetzen, Ratlosigkeit und Trauer herrschen in der Bevölkerung ebenso wie auf Seiten von Politik und Medien. Es ist, als hätte sich mit der Schreckenstat von Winnenden ein Abgrund aufgetan inmitten der heimeligen, gutbürgerlichen deutschen Mitte.

Dabei ist die statistische Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Amoklaufes zu werden, in etwa so groß wie die eines Terroranschlags: sie tendiert gegen null. Nicht die Häufigkeit von Amokläufen jagt uns Angst ein, sondern die Normalität, aus der die Täter kommen, das Gefühl, einer unerklärlichen, diffusen Bedrohung ausgesetzt zu sein.

Auch deshalb erregt ein Ereignis wie der Amoklauf von Winnenden weitaus mehr Aufmerksamkeit als etwa der Mafiamord von Duisburg, bei dem immerhin sechs Menschen auf äußerst brutale Weise ermordet wurden. Die Tat eines Auftragsmörders scheint erklärbar. Aber wenn der unscheinbare Nachbarsjunge zum Massenmörder wird, tut sich ein Abgrund auf, und das Ringen um Erklärung wird dadurch nicht leichter, dass ein Schuldiger fehlt, der die Verletzung des kollektiven Ordnung sühnen kann.

Das Verfahren gegen den Duisburger Mafiakiller Giovanni Strangio wird seine Tat nicht ungeschehen machen, aber es wird im Bewusstsein der Öffentlichkeit Recht und Ordnung wiederherstellen, die durch den kaltblütigen Massenmord verletzt wurden. Der Amokläufer Tim K. aber ist tot und lässt alle Fragen offen.

So wird das Unverständliche zum Ereignis. Innerhalb kürzester Zeit waren Reporter und Filmteams in Winnenden und berichteten live vor Ort. „Die Welten des Amok und die Welten der Unterhaltung sind untrennbar verschränkt“, schreibt der Medienwissenschaftler Heiko Christians in seiner letztes Jahr erschienenen, lesenswerten Studie „Amok. Geschichte einer Ausbreitung“ (Aisthesis Verlag 2008).

Am deutlichsten wird das am Beispiel des Mikro-Blogging-Dienstes Twitter, den viele Medien nutzen, um vor Ort das eigene Berichterstatten zu kommentieren: „Mehrere Einsatzwagen schießen an FOCUS-Online-Reportern vorbei. Amokläufer in Wendlingen getötet. Drehen ab nach Wendlingen“ ist ein typisches Beispiel für die atemlose Selbstinszenierung der Medien in diesem neuen Kommunikationskanal, an der sich dann auch prompt Kritik entzündete.

Doch lautstarke Medienkritik ist Christians zufolge fehl am Platz. Die Geschichte des Amok sei von Anfang an verbunden mit der Entwicklung der Kommunikation. Schon die Berichte portugiesischer und holländischer Reisender über Amokläufe in den ostindischen Kolonien folgen einer Dramaturgie. Da eine Erklärung für die den plötzlichen Mordrausch fehlt (mal sind es Drogen, mal verletztes Ehrgefühl), wird der Amoklauf zur Chiffre für das „Fremde“, dem die Gesellschaft Einhalt zu bieten versucht. Der Reiseautor John Hagenbeck berichtet 1922 „dass man in den meisten Dörfern Alarmtrommeln hat, die man ertönen lässt, wenn ein Amokläufer sein Unwesen treibt, ferner große Holzgabeln, mit denen man den Wahnsinnigen einfängt, um ihn zu überwältigen. Überdies ist jeder Amokläufer vogelfrei, er darf erschossen oder auf jede andere Weise unschädlich gemacht werden“.

Kaum mehr konnte in Winnenden getan werden. Die Einsatzkräfte vor Ort handelten offensichtlich ebenso besonnen und schnell wie die Schulleitung, die per Lautsprecher die verschlüsselte Warnung „Frau Koma kommt“ an die Klassen durchgegeben haben soll. Die Waffengesetzte in Deutschland gehören zu den strengsten in Europa. Der Täter soll aus einem behüteten Elternhaus stammen.

Das Bild des „kranken Medienusers“ (Christians), das schnell als Begründung für Tim K.s schreckliche Tat herhalten musste, passt in die üblichen Erklärungsmuster des Amoklaufs als rauschartige Folge von Suchtverhalten: Früher waren es exotische Drogen, dann Fernsehkonsum, schließlich Computerspiele und „das Internet“. Mord und Totschlag aber findet man heute in jeder Bahnhofsbuchhandlung.

Dass die Mär von der angeblichen Ankündigung der Tat im Internet schnell als Falschinformation entlarvt wurde, hielt einige Boulevardmedien nicht davon ab, darüber  – offenbar wider besseres Wissen – ausführlich darüber zu berichten, um sich am Tag darauf umso mehr über die „Ermittlungspanne“ zu echauffieren. Sie passte einfach zu gut ins Bild, mit dem wir uns das Unfassbare zu erklären versuchen.

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Als Condé Nast-Verleger Jonathan Newhouse im Dezember der erleichterten Vanity Fair-Mannschaft kurz vorm Nikolaustag verkündete, dass ihre Stellen sicher seien und das Magazin weiter erscheinen werde, da waren erst mal alle beeindruckt. Allerdings hätte die Rede des vollmundigen Verlegers schon damals Zweifel an seiner Aufrichtigkeit wecken können. Wie mir ein Freund aus der Redaktion berichtete, sagte Newhouse wörtlich: „We will continue the magazine, because that’s what we do: fish swim, horses ride, publishers publish!” 

Newhouse verkündete also nicht: „Pferde rennen“, wie die taz frei übersetzte, sondern „Pferde reiten“. Wenn ein Verlagsboss Ross und Reiter verwechselt, ist das kein gutes Omen. Nur zwei Monate später vollzog Newhouse den peinlichen U-Turn und verkündete der völlig verdatterten Vanity Fair-Mannschaft, dass ihr Magazin mit sofortiger Wirkung eingestellt wird.

So zeigt sich wieder einmal, dass Bilanzfixer und Großsprecher (siehe David Montgomery), die nur auf Rendite schauen und keine publizistische Vision haben, nicht unbedingt gute Verleger sind. Das braucht Leute vom Schlag wie Jakob Augstein, der mit „der freitag“ mitten in der Krise unerschrocken ein innovatives Printmedium gegründet hat.  

Verlegen ist ein besonderes Geschäft, man muß schon eine gehörige Portion Enthusiasmus, Mut und langen Atem dazu haben. Dann wird man nicht nur mit Erfolg belohnt, sondern mit dem, was man früher ganz altmodisch einen „Ruf“ nannte. Sonst heißt es eben bloß wie im Fall Jonathan Newhouse: Verleger (sind) verlegen.

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