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Posts Tagged ‘Medienkrise’

Gestern brachte der „Tagesspiegel“ eine Rezension von Ana Novacs KZ-Tagebuch „Die schönen Tage meiner Jugend“, die einen schönen Einblick in journalistische Arbeitsmethoden im Zeichen der Medienkrise gibt. Überall werden Mittel gekürzt, Stellen werden abgebaut, nur die journalistische Qualität soll irgendwie bleiben. Deshalb gibt sich der Text nicht nur als Rezension, sondern wartete mit profunder Hintergrundrecherche auf.

So zweifelt die Rezensentin am Geburtsdatum von Ana Novac: „Wann genau sie im siebenbürgischen Dej (Rumänien) geboren wurde, lässt sich nicht mehr feststellen – dem Verlag zufolge 1929. Doch verzeichnen die Listen heimgekehrter Häftlinge die Daten 1924 und 1925”. Woher hat die Rezensentin diese Information? War es mühevolle eigene Recherche in Archiven? Ist sie gar nach Paris gereist, um mit Ana Novac zu sprechen?

Nicht wirklich. Wozu sich die Mühe machen, eine eigene Geschichten zu produzieren, wenn man auch anderswo abschreiben lassen kann? Also hat sich die Rezensentin einfach bei dem Ana Novac-Porträt bedient, das vor drei Wochen im ZEIT-Magazin erschien und Novacs Geburtsdatum erstmals in Zweifel zog: „Laut Verlag wurde die Schriftstellerin 1929 in Siebenbürgen geboren. Aber eine 1945 in Budapest erstellte Liste heimgekehrter KZ-Häftlinge verzeichnet eine 1925 in Dej geborene Zimra Harsanyi […]“.

Immerhin hat sich die Rezensentin die Mühe gemacht, und die Entstehungsgeschichte des Textes kritisch hinterfragt: Was ist authentisch, was überarbeitet? So schreibt der Tagesspiegel: „Die Originalnotizen, entstanden von Juni bis September/Oktober 1944, wurden verschiedentlich überarbeitet. Einmal spricht sie von „Endlösung“ – was eine 15-Jährige damals sicher nicht tat, und sie verwechselt manchmal Orte“.

Lobenswerte Gründlichkeit? Nein, auch das ist abgeschrieben aus dem ZEIT-Magazin, in dem es zur Überlieferung des Tagebuchs heißt: „Bei mehreren Übertragungen und Übersetzungen sind Formulierungen stilistisch geglättet und von der Autorin überarbeitet worden. Vermutlich liegt es daran, dass sich in dem Tagebuch etwa das Wort ‚Endlösung‘ findet, das einem jüdischen Mädchen im Jahr 1944 nicht geläufig gewesen sein kann […]“

Und wo hatte Ana Novac ihr erstes Schreibheft her? Der Tagesspiegel weiß es, so wird suggeriert, von Ana Novac selbst, die sich „erinnert“: „Das gerettete Heft übrigens hatte sie einem Lagerkapo abgeschwatzt, der von ihrem Überlebenswillen beeindruckt war: ‚Wärst du ein Pferd, würde ich auf dich wetten‘, sagt er. Die Bemerkung, erinnert sie sich, sei das Beste gewesen, was sie im Lager erlebt habe“.

Wenn man schon ohne Quellenangabe abschreibt, sollte man vielleicht das Interview-Präsens rausredigieren. Im ZEIT-Magazin wird Ana Novac mit den Worten des Lagerkapo zitiert, der ihr sagt: „‚Ich weiß nicht, was du schreibst in deiner eigentümlichen Sprache. Aber wärst du ein Pferd, würde ich auf dich wetten.‘ Das sei vielleicht das Beste, was sie im Lager erlebt habe, erinnert Ana Novac sich.“ Das ist also ein Zitat im Zitat. Im Buch sagt der Lagerkapo übrigens: „Wenn du ein Rennpferd wärst, würde ich auf dich setzen“.

Aber warum sich die Mühe machen, ein Buch zu lesen, wenn man aus einem anderen Artikel abschreiben kann? Die Zeiten sind hart, da ist Rationalisierung auch in der kleinsten Zelle angesagt. 

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Als Condé Nast-Verleger Jonathan Newhouse im Dezember der erleichterten Vanity Fair-Mannschaft kurz vorm Nikolaustag verkündete, dass ihre Stellen sicher seien und das Magazin weiter erscheinen werde, da waren erst mal alle beeindruckt. Allerdings hätte die Rede des vollmundigen Verlegers schon damals Zweifel an seiner Aufrichtigkeit wecken können. Wie mir ein Freund aus der Redaktion berichtete, sagte Newhouse wörtlich: „We will continue the magazine, because that’s what we do: fish swim, horses ride, publishers publish!” 

Newhouse verkündete also nicht: „Pferde rennen“, wie die taz frei übersetzte, sondern „Pferde reiten“. Wenn ein Verlagsboss Ross und Reiter verwechselt, ist das kein gutes Omen. Nur zwei Monate später vollzog Newhouse den peinlichen U-Turn und verkündete der völlig verdatterten Vanity Fair-Mannschaft, dass ihr Magazin mit sofortiger Wirkung eingestellt wird.

So zeigt sich wieder einmal, dass Bilanzfixer und Großsprecher (siehe David Montgomery), die nur auf Rendite schauen und keine publizistische Vision haben, nicht unbedingt gute Verleger sind. Das braucht Leute vom Schlag wie Jakob Augstein, der mit „der freitag“ mitten in der Krise unerschrocken ein innovatives Printmedium gegründet hat.  

Verlegen ist ein besonderes Geschäft, man muß schon eine gehörige Portion Enthusiasmus, Mut und langen Atem dazu haben. Dann wird man nicht nur mit Erfolg belohnt, sondern mit dem, was man früher ganz altmodisch einen „Ruf“ nannte. Sonst heißt es eben bloß wie im Fall Jonathan Newhouse: Verleger (sind) verlegen.

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