Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Schriftsteller’

Nach Recherchen von Malte Herwig wurde der Schriftsteller Dieter Wellershoff von der NSDAP als Mitglied geführt. Danach gefragt, lud er unseren Autor zu sich nach Hause ein und begab sich auf Erinnerungssuche

Vor Kurzem bekam der Schriftsteller Dieter Wellershoff, 83, einen Brief des Bundesarchivs in Berlin: Man habe, ausgelöst durch eine Recherche des ZEITmagazins, eine auf seinen Namen ausgestellte Karte in der Mitgliederkartei der NSDAP entdeckt – Dieter Wellershoff, Mitglied Nr. 10.172.531 der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Eine hohe, also späte Nummer, eine vom letzten Aufgebot.

Wer durfte in die Partei? Nur wer für würdig befunden wurde und unterschrieb. Sagen die Historiker. Dieter Wellershoff, das einstige Mitglied der Schriftstellervereinigung Gruppe 47, ein Mann, der sich in Büchern und Essays oft mit der deutschen Katastrophe beschäftigte, sagt am Telefon: „Ich war total vor den Kopf geschlagen, als ich von der Karte erfuhr.“

Er ist bereit zum Gespräch. Es findet Tage später in seiner Kölner Altbauwohnung statt. Wellershoff breitet Dokumente und Fotos auf dem Glastisch aus. Die Entlassungsurkunde aus britischer Gefangenschaft liegt da, ein Fotoalbum aus den dreißiger und vierziger Jahren. Und die Kopie der NSDAP-Karteikarte. (mehr …)

Advertisements

Read Full Post »

Gestern brachte der „Tagesspiegel“ eine Rezension von Ana Novacs KZ-Tagebuch „Die schönen Tage meiner Jugend“, die einen schönen Einblick in journalistische Arbeitsmethoden im Zeichen der Medienkrise gibt. Überall werden Mittel gekürzt, Stellen werden abgebaut, nur die journalistische Qualität soll irgendwie bleiben. Deshalb gibt sich der Text nicht nur als Rezension, sondern wartete mit profunder Hintergrundrecherche auf.

So zweifelt die Rezensentin am Geburtsdatum von Ana Novac: „Wann genau sie im siebenbürgischen Dej (Rumänien) geboren wurde, lässt sich nicht mehr feststellen – dem Verlag zufolge 1929. Doch verzeichnen die Listen heimgekehrter Häftlinge die Daten 1924 und 1925”. Woher hat die Rezensentin diese Information? War es mühevolle eigene Recherche in Archiven? Ist sie gar nach Paris gereist, um mit Ana Novac zu sprechen?

Nicht wirklich. Wozu sich die Mühe machen, eine eigene Geschichten zu produzieren, wenn man auch anderswo abschreiben lassen kann? Also hat sich die Rezensentin einfach bei dem Ana Novac-Porträt bedient, das vor drei Wochen im ZEIT-Magazin erschien und Novacs Geburtsdatum erstmals in Zweifel zog: „Laut Verlag wurde die Schriftstellerin 1929 in Siebenbürgen geboren. Aber eine 1945 in Budapest erstellte Liste heimgekehrter KZ-Häftlinge verzeichnet eine 1925 in Dej geborene Zimra Harsanyi […]“.

Immerhin hat sich die Rezensentin die Mühe gemacht, und die Entstehungsgeschichte des Textes kritisch hinterfragt: Was ist authentisch, was überarbeitet? So schreibt der Tagesspiegel: „Die Originalnotizen, entstanden von Juni bis September/Oktober 1944, wurden verschiedentlich überarbeitet. Einmal spricht sie von „Endlösung“ – was eine 15-Jährige damals sicher nicht tat, und sie verwechselt manchmal Orte“.

Lobenswerte Gründlichkeit? Nein, auch das ist abgeschrieben aus dem ZEIT-Magazin, in dem es zur Überlieferung des Tagebuchs heißt: „Bei mehreren Übertragungen und Übersetzungen sind Formulierungen stilistisch geglättet und von der Autorin überarbeitet worden. Vermutlich liegt es daran, dass sich in dem Tagebuch etwa das Wort ‚Endlösung‘ findet, das einem jüdischen Mädchen im Jahr 1944 nicht geläufig gewesen sein kann […]“

Und wo hatte Ana Novac ihr erstes Schreibheft her? Der Tagesspiegel weiß es, so wird suggeriert, von Ana Novac selbst, die sich „erinnert“: „Das gerettete Heft übrigens hatte sie einem Lagerkapo abgeschwatzt, der von ihrem Überlebenswillen beeindruckt war: ‚Wärst du ein Pferd, würde ich auf dich wetten‘, sagt er. Die Bemerkung, erinnert sie sich, sei das Beste gewesen, was sie im Lager erlebt habe“.

Wenn man schon ohne Quellenangabe abschreibt, sollte man vielleicht das Interview-Präsens rausredigieren. Im ZEIT-Magazin wird Ana Novac mit den Worten des Lagerkapo zitiert, der ihr sagt: „‚Ich weiß nicht, was du schreibst in deiner eigentümlichen Sprache. Aber wärst du ein Pferd, würde ich auf dich wetten.‘ Das sei vielleicht das Beste, was sie im Lager erlebt habe, erinnert Ana Novac sich.“ Das ist also ein Zitat im Zitat. Im Buch sagt der Lagerkapo übrigens: „Wenn du ein Rennpferd wärst, würde ich auf dich setzen“.

Aber warum sich die Mühe machen, ein Buch zu lesen, wenn man aus einem anderen Artikel abschreiben kann? Die Zeiten sind hart, da ist Rationalisierung auch in der kleinsten Zelle angesagt. 

Read Full Post »

Ich habe eine Seite extra für „Bücher“ angelegt. Dort gibt es jetzt Informationen über meine Bücher zu den Themen Elite, Thomas Mann etc. Zugegeben: das jüngste ist auch schon 2005 erschienen – das Journalistenleben ist hektisch, da muss man mit dem Bücherschreiben erst mal nachkommen. So viel sei verraten, ein neues Buch ist bereits in der Mache, und die Hauptrolle darin spielt einer der interessantesten deutschsprachigen Schriftsteller der Gegenwart. Watch this space!

Read Full Post »