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Nach Recherchen von Malte Herwig wurde der Schriftsteller Dieter Wellershoff von der NSDAP als Mitglied geführt. Danach gefragt, lud er unseren Autor zu sich nach Hause ein und begab sich auf Erinnerungssuche

Vor Kurzem bekam der Schriftsteller Dieter Wellershoff, 83, einen Brief des Bundesarchivs in Berlin: Man habe, ausgelöst durch eine Recherche des ZEITmagazins, eine auf seinen Namen ausgestellte Karte in der Mitgliederkartei der NSDAP entdeckt – Dieter Wellershoff, Mitglied Nr. 10.172.531 der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Eine hohe, also späte Nummer, eine vom letzten Aufgebot.

Wer durfte in die Partei? Nur wer für würdig befunden wurde und unterschrieb. Sagen die Historiker. Dieter Wellershoff, das einstige Mitglied der Schriftstellervereinigung Gruppe 47, ein Mann, der sich in Büchern und Essays oft mit der deutschen Katastrophe beschäftigte, sagt am Telefon: „Ich war total vor den Kopf geschlagen, als ich von der Karte erfuhr.“

Er ist bereit zum Gespräch. Es findet Tage später in seiner Kölner Altbauwohnung statt. Wellershoff breitet Dokumente und Fotos auf dem Glastisch aus. Die Entlassungsurkunde aus britischer Gefangenschaft liegt da, ein Fotoalbum aus den dreißiger und vierziger Jahren. Und die Kopie der NSDAP-Karteikarte. (mehr …)

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VORABMELDUNG (den kompletten Artikel finden Sie im aktuellen ZEITmagazin)

Der bekannte deutsche Schriftsteller und Essayist Dieter Wellershoff, 83, wurde von der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) als Mitglied geführt. Wie Recherchen von ZEITmagazin-Autor Malte Herwig ergaben, existiert in der NSDAP-Mitgliederkartei im Bundesarchiv eine Karteikarteunter unter der Nummer 10.172.531 auf Wellershoffs Namen.

Der Mitgliedskarte zufolge wurde die Aufnahme des damals 18-jährigen Wellershoff in die NSDAP am 20.04.1944 beantragt und erfolgte rückwirkend zum 20.04.1943. Ein unterschriebener Aufnahmeantrag liegt nicht vor. Allerdings findet sich Wellershoff auf einer namentlichen Liste von 368 NSDAP-Aufnahmeanträgen, die am 28. Oktober 1944 von der Gauleitung Düsseldorf bei der Reichsleitung in München eingereicht wurden.

Mit dem Fund konfrontiert, erklärte sich Dieter Wellershoff zum Gespräch bereit. Es wurde ein langer Nachmittag, vier Stunden lang sprach er mit dem Autor des ZEITmagazins, Malte Herwig, über sein Leben in den Monaten vor Kriegsende.

Wellershoff, der am 3.11.1925 in Neuß geboren wurde, erlebte das Ende des Kriegs als Wehrmachtssoldat in der Division Hermann Göring. Nach 1945 arbeitete er für den Rundfunk sowie als Lektor und Herausgeber der Werke Gottfried Benns. Der profilierte Schriftsteller (Der Liebeswunsch) und Essayist ist Mitglied des P.E.N.-Clubs und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Seine Bereitschaft, über die eigene Rolle in der damaligen Zeit zu sprechen, unterscheidet ihn von den meisten anderen Leitfiguren der Bundesrepublik, deren Verstrickung in die NS-Zeit später herauskam. Zu den Betroffenen gehören Martin Walser, Dieter Hildebrandt, Siegfried Lenz, Horst Ehmke, Hans Werner Henze und andere führende Intellektuelle und Künstler der Bundesrepublik. Das Auftauchen von immer mehr NS-Mitgliedskarteikarten prominenter Deutscher hat schon häufig für Diskussionen darüber gesorgt, ob die Angehörigen der Jahrgänge 1925-1927 vielleicht ohne eigenes Wissen in die NSDAP aufgenommen wurden.

Wellershoff selbst hatte vor zwei Jahren in einem SPIEGEL-Essay die Diskussion um die NS-Karteikarten als „journalistisches Sommertheater“ bezeichnet und seine Generationsgenossen in Schutz genommen. Ein Jahr zuvor kritisierte er in einem Artikel auf SPIEGEL Online den Schriftstellerkollegen Günter Grass dafür, dass der seine SS-Mitgliedschaft jahrzehntelang verschwiegen hatte. 

Nun äußert er sich im Interview mit dem ZEITmagazin zu seinem Verhältnis als Jugendlicher zur NSDAP: „Vor diesen braunen Leuten habe ich nur Abscheu empfunden. Ich kann mich überhaupt nicht erinnern, dass ich irgendetwas unterschrieben hätte. Ich war nicht Mitglied der NSDAP. Ich hätte ja verrückt sein müssen, am Ende des Krieges einzutreten. Wem hätte ich damit gefallen wollen können? Wir Jungen wurden verheizt für die Fantasiepolitik der NSDAP. Damit diese Leute noch ein paar Monate länger an der Macht blieben.“

Wellershoff berichtet von Scheinbataillonen, aufgestellt in den letzten Kriegsmonaten. „Ich habe ein ganzes Feld voll gefallener Kameraden vor Augen, wenn ich daran denke.“ Und er sagt: „Dass ich den Krieg überlebt habe, habe ich versucht zurückzuzahlen, indem ich mich aufklärerisch verhalten habe.“

In der Tat hat Wellershoff in seinem literarischen und essayistischen Werk die eigene Zeit als Soldat, auch die eigene jugendliche Begeisterung dafür, mehrfach thematisiert.

Unter zeitgeschichtlichen Experten besteht indessen weitgehend Einigkeit, dass ohne eigenhändige Unterschrift der Betroffenen keine Aufnahme in die NSDAP möglich war. Der Historiker Armin Nolzen sagte dem ZEITmagazin: „Für eigenmächtige Anmeldungen durch HJ-Führer gibt es bis heute keinen einzigen empirischen Beweis“.

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Hollywood ist nichts dagegen: In Nordkorea herrscht ein  beispielloser Filmkult, und der »liebe Führer« Kim Jong Il führt überall Regie. Ein Besuch im größten Kino der Welt 


Der große Feldherr auf seinem Hügel, Bügelfalten, scharf wie Offizierssäbel.  Zu seinen Füßen tobt die Schlacht. Ihn scheint das Blutvergießen nicht zu berühren. Entrückt steht er da, den Blick in weite Fernen gerichtet –  ein Bild an der Wand des Filmmuseums in Pjöngjang, meterhoch, es erzählt von den Dreharbeiten zu einem Revolutionsepos. Denn Feldherr Kim ist ein besessener Regisseur. Statisten, Kameraleute und Beleuchter sind seine Soldaten (mehr …)

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Gestern brachte der „Tagesspiegel“ eine Rezension von Ana Novacs KZ-Tagebuch „Die schönen Tage meiner Jugend“, die einen schönen Einblick in journalistische Arbeitsmethoden im Zeichen der Medienkrise gibt. Überall werden Mittel gekürzt, Stellen werden abgebaut, nur die journalistische Qualität soll irgendwie bleiben. Deshalb gibt sich der Text nicht nur als Rezension, sondern wartete mit profunder Hintergrundrecherche auf.

So zweifelt die Rezensentin am Geburtsdatum von Ana Novac: „Wann genau sie im siebenbürgischen Dej (Rumänien) geboren wurde, lässt sich nicht mehr feststellen – dem Verlag zufolge 1929. Doch verzeichnen die Listen heimgekehrter Häftlinge die Daten 1924 und 1925”. Woher hat die Rezensentin diese Information? War es mühevolle eigene Recherche in Archiven? Ist sie gar nach Paris gereist, um mit Ana Novac zu sprechen?

Nicht wirklich. Wozu sich die Mühe machen, eine eigene Geschichten zu produzieren, wenn man auch anderswo abschreiben lassen kann? Also hat sich die Rezensentin einfach bei dem Ana Novac-Porträt bedient, das vor drei Wochen im ZEIT-Magazin erschien und Novacs Geburtsdatum erstmals in Zweifel zog: „Laut Verlag wurde die Schriftstellerin 1929 in Siebenbürgen geboren. Aber eine 1945 in Budapest erstellte Liste heimgekehrter KZ-Häftlinge verzeichnet eine 1925 in Dej geborene Zimra Harsanyi […]“.

Immerhin hat sich die Rezensentin die Mühe gemacht, und die Entstehungsgeschichte des Textes kritisch hinterfragt: Was ist authentisch, was überarbeitet? So schreibt der Tagesspiegel: „Die Originalnotizen, entstanden von Juni bis September/Oktober 1944, wurden verschiedentlich überarbeitet. Einmal spricht sie von „Endlösung“ – was eine 15-Jährige damals sicher nicht tat, und sie verwechselt manchmal Orte“.

Lobenswerte Gründlichkeit? Nein, auch das ist abgeschrieben aus dem ZEIT-Magazin, in dem es zur Überlieferung des Tagebuchs heißt: „Bei mehreren Übertragungen und Übersetzungen sind Formulierungen stilistisch geglättet und von der Autorin überarbeitet worden. Vermutlich liegt es daran, dass sich in dem Tagebuch etwa das Wort ‚Endlösung‘ findet, das einem jüdischen Mädchen im Jahr 1944 nicht geläufig gewesen sein kann […]“

Und wo hatte Ana Novac ihr erstes Schreibheft her? Der Tagesspiegel weiß es, so wird suggeriert, von Ana Novac selbst, die sich „erinnert“: „Das gerettete Heft übrigens hatte sie einem Lagerkapo abgeschwatzt, der von ihrem Überlebenswillen beeindruckt war: ‚Wärst du ein Pferd, würde ich auf dich wetten‘, sagt er. Die Bemerkung, erinnert sie sich, sei das Beste gewesen, was sie im Lager erlebt habe“.

Wenn man schon ohne Quellenangabe abschreibt, sollte man vielleicht das Interview-Präsens rausredigieren. Im ZEIT-Magazin wird Ana Novac mit den Worten des Lagerkapo zitiert, der ihr sagt: „‚Ich weiß nicht, was du schreibst in deiner eigentümlichen Sprache. Aber wärst du ein Pferd, würde ich auf dich wetten.‘ Das sei vielleicht das Beste, was sie im Lager erlebt habe, erinnert Ana Novac sich.“ Das ist also ein Zitat im Zitat. Im Buch sagt der Lagerkapo übrigens: „Wenn du ein Rennpferd wärst, würde ich auf dich setzen“.

Aber warum sich die Mühe machen, ein Buch zu lesen, wenn man aus einem anderen Artikel abschreiben kann? Die Zeiten sind hart, da ist Rationalisierung auch in der kleinsten Zelle angesagt. 

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Im Vernichtungslager schrieb Ana Novac als junges Mädchen auf, was sie erlebte. Ihr Tagebuch aus der Hölle ist jetzt wiederentdeckt worden

Ein altes Mietshaus im Nordosten von Paris, unweit des Canal Saint-Martin und der großen Bahnhöfe. Die Frau, die seit Jahrzehnten in dem kleinen Appartement im vierten Stock wohnt, hat fünf Namen und viele Leben. Winzig und scheinbar unsterblich sitzt Ana Novac auf dem Sofa. Auf dem Kaminsims stehen ein paar bunte Teller, daneben ein Schaukelstuhl, in der Ecke eine neunarmige Chanukka-Leuchte. Ana Novac hat ein kindliches Gesicht und lockige, kurze Haare. Sie staunt noch immer über das, was ihr geschah. „Der Körper hat kein Gedächtnis“, sagt sie, aber dieses Gefühl hat sie nie verlassen: die Verblüffung darüber, in einem Vernichtungslager zu sein.

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